Archiv: Basch #24 – Rezension 45 GRAD

Neues Fanzine: 45 GRAD

Seit einiger Zeit wird beim USP-Treffen, am Kiosk in der Südkurve und auch in der Kurve selbst ein neues überregionales Fanzine mit dem Titel 45 GRAD verkauft. Ansatz des Heftes ist es, das Geschehen in den deutschen Kurven auf Monatsbasis zu dokumentieren und diese Bilder mit kurzen Texten und Hinweisen sowie mit ein paar Blicken ins Ausland anzureichern. Da es in unseren Strukturen verkauft wird, soll auch an dieser Stelle etwas zu dem Heft gesagt werden.

Ich habe generell großen Respekt vor allen Projekten, die sich noch an das klassische Fanzine auf Papier heranwagen. Alle wissen, dass sich sehr viel in digitale Kanäle verschoben hat und auch noch weiter verschieben wird. Gerade da finde ich es toll, wenn es Leute gibt, die trotzdem klassische Fanzines mit viel Herzblut umsetzen. Zumal das “Fachgebiet, mit dem sich das 45 GRAD beschäftigt, auf den ersten Blick besonders ungeeignet ist, es aus der digitalen Welt herauszuholen. Ein Heft im A5-Format, das hochgradig von Bildern leben will, die am Erscheinungstag des Heftes schon bis zu einem Monat alt und damit mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem hohen Anteil bei den meisten potentiellen Lesern bereits bekannt sind. Das spricht erstmal nicht für das Konzept. Ein Feedback, das ich gehört habe, war: “Oh Gott, ist das langweilig, alles schon gesehen oder uninteressant”.

Da muss ich nach einigem Nachdenken doch deutlich widersprechen bzw. zumindest zur Differenzierung anregen (ja ja, ich weiß, ausdifferenziert geht die Welt zu Grunde, stimmt ja eigentlich auch!). Es ist gerade dieser dokumentarische Ansatz, der mich von Anfang an fasziniert hat. Wer das Heft mit dem alleinigen Wunsch kauft, etwas völlig Neues zu sehen, der wird sicherlich etwas enttäuscht. Wer darin jedoch eine Chronologie der deutschen Ultraszene sieht und das Heft eher als eine Übersicht der Aktivitäten eines speziellen Monats versteht, der wird mir zustimmen, dass die Macher damit durchaus in eine gewisse Marktlücke stoßen.

In Heften wie Erlebnis Fußball oder Blickfang Ultrà werden teilweise sehr selektiv Themen behandelt und irgendwelche Jockel-Gruppen wälzen auf 30 Seiten ihre Sicht der Dinge aus. Das kann spannend sein, ist es aber leider viel zu selten und vor allem wenig umfassend. Das kreide ich nicht den Machern an, denn denen bringe ich mindestens genau so viel Respekt für ihre Projekte und ihr Engagement entgegen wie den Machern des 45 GRAD, ich finde es nur einfach viel zu häufig viel zu uninteressant. Im 45 GRAD geht es also mehr um eine Dokumentation anhand von Bildern und kurzen Texten, die den Kontext herstellen sollen. Mir gefällt der Gedanke, dass ich irgendwann in fünf Jahre noch einmal zurückblicken kann und eine Ahnung bekomme, was für einen Style die Gruppen zum Zeitpunkt X hatten und was in dem Zeitraum so ging. Natürlich könnte auch das das Internet viel besser leisten, aber da kommt meine große Sympathie für Gedrucktes wieder ins Spiel. Ich habe die bisherigen Ausgaben jedenfalls genossen. Hinzu kommt, dass das Heft von Leuten gemacht wird, denen ich mehr als eine gesunde Portion Grundsympathie entgegenbringe.

Leider gibt es auch einen dicken Kritikpunkt, den ich nicht verschweigen möchte, und der auch schon berechtigterweise für Gesprächsstoff gesorgt hat. Man ist geneigt, den Machern einen allzu unkritischen Umgang mit rechten und rechtsoffenen Gruppen zu unterstellen. Ich glaube, dass manchmal zu viel politisiert wird und dass wir es manchmal etwas mit der Korrektheit übertreiben – diese Kritik vieler Leute am Heft gehört aber nicht dazu, und ich hoffe, die Redaktion denkt zumindest mal darüber nach.

Letztlich geht es um die ganz einfache Frage, ob man bereit ist, Fankultur als Klammer zu begreifen, innerhalb der es dann neben vielen geilen Leuten und einem selbst eben auch Arschlöcher wie Chemnitzer, Hallenser und anderes rechtes Gelumpe geben kann. Dazu bin ich nicht bereit. Es gibt keine Gemeinsamkeit mit Nazis, es gibt keine gemeinsame und schützenswerte Kultur, keine Solidarität mit rechten Gruppen, auch wenn sie von den gleichen Problemen betroffen sein mögen und das gleiche tun. Ich demonstriere nicht mit dem Nazi zusammen, auch wenn er die gleiche Meinung zum Schutz der Bäume und der Elbvertiefung hat. Man ist zwar geneigt, eine gewisse Solidarität aufzubringen, da man den selben Bullenwichsern gegenübersteht und die gleiche Verbandsschikanen erdulden muss, aber Fankultur kann in dieser Hinsicht trügerisch sein. Ich finde rechte Gruppen scheiße und wenn sie stark und “gut” sind, dann finde ich das noch beschissener – erst Recht, wenn sie im Stadion sind. Wer das nun für übertrieben hält oder meint, man solle mal die Politik bei Seite lassen, mit dem teile ich nicht das Verständnis für meine Subkultur. Das wäre vor allem in diesem Fall bedauerlich.

Nun könnte man einwenden, dass gerade unter dem Label Dokumentation auch solche Dinge nicht unter den Tisch fallen dürfen. Das ist richtig. Meinetwegen könnten auch Keltenkreuzfahnen in Cottbus abgebildet werden, so lange das in einen Kontext gesetzt wird oder zumindest in einem heft-weiten Werterahmen passiert. Von einem Heft, das ich mögen soll und das ich gerne lese, das meine Gruppen pushen und verkaufen soll, von so einem Heft erwarte ich eine Einordnung und da, liebe Redaktion, fehlte mir doch an der ein oder anderen Stelle mal ein kritisches Wort. Ich weiß, das ist schwer und vielleicht gibt es keine “gute” Lösung in diesem Spannungsfeld, vielleicht ja aber doch in Form von distanzierenden Fragen und Darstellungen oder Ähnlichem.

Letztlich möchte ich euch ans Herz legen, euch einfach mal eine Ausgabe in der Südkurve zu holen und zu schauen, ob euch das Heft von der Idee her genauso gut gefällt wie mir. Die zwei Euro sind nicht verschwendet und dann wisst ihr, wovon die Rede ist. Die Zukunft wird zeigen, wie es mit dem 45 GRAD weitergeht. Ich wünsche den Machern viel Erfolg und eine Antwort auf die oben skizzierte Kritik.

Anachronist