Archiv: Basch #24 – On the road with the Cowboys’n’Girls. Wilder Westen 2000

Guckt man sich die DVD „That’s the way we like it!” aufmerksam an, sieht man, neben dem Banner von Ultrà Sankt Pauli oftmals als einzige weitere Zaunfahne jene einer Crew, die euch an dieser Stelle mal etwas näher gebracht werden soll: Die des „Wilder Westen 2000“. Auch heute noch hängt diese Fahne sichtbar in der Südkurve und wird von einer großen Crew mit Leben gefüllt. Zeit, sich genauer mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des „Wilden Westens“ zu beschäftigen.

Die wohl am meisten gestellte Frage an einen Fan des FC St. Pauli, der nicht in Hamburg oder Umgebung wohnt, lautet: „Warum gehstn auf Pauli?“, wie man in Gelsenkirchen so schön ohrenzerreißend sagt. Und ja, da gibt es verschiedene Gründe, wieso man sich fast jedes Wochenende in das Auto oder die Bahn setzt und hunderte Kilometer den Magischen hinterher reist. Gerade diese Gründe sind es, wieso es unsere Gruppe nun schon im 13. Jahr gibt und wir immer noch begeistert den Verein und seine Mannschaften unterstützen.

Schon vor der Gründung vom „Wilden Westen“ gab es Leute, die aus NRW nach St. Pauli gefahren sind. Aus dem beschaulichen Emsdetten bei Münster fanden sich Punker, HCler und Metaller zusammen, um gemeinsam St. Pauli zu unterstützen. Angezogen vom neuen Image der 90er Jahre, irgendwie der andere Verein zu sein und dann noch links, begann um 1995 die Vorgeschichte des „Wilden Westen“. Man positionierte sich in der Gegengerade und stimmte in den Chor der entstehenden Singing-Area ein. Die permanente Präsenz im Stadion und auch bei Auswärtsspielen sorgte für erste Kontakte in die organisierte Fanszene, so dass auch Freundschaften entstanden, die sich über all die Jahre immer noch halten.
Um 2000 änderte sich die Szene auf St. Pauli erheblich. Der nur noch sprichwörtliche Roarrrr wurde nun durch die aufkommende Ultrà-Kultur ergänzt. Es entstanden erste Doppelhalter und ein Mensch wurde auf dem Zaun platziert, um die Lieder anzustimmen. An diesen Trend beteiligten wir uns und gründeten nun den „Wilden Westen“, malten unseren ersten Doppelhalter und zogen immer mehr Menschen zur Faszination St. Pauli. Die Zeit damals war sehr aufregend. Besonders da wir immer unsere Anreisen zu Auswärtsspielen anders als die Hamburger Fans organisieren mussten. Häufig hatten wir den gleichen Weg wie die Heimfans und es kam gelegentlich zu Spannungen, die auch mal eskalierten. So kam es gleich beim ersten Spiel in einer größerer Gruppe in Gelsenkirchen kam es zu einer Konfrontation mit der Gelsenszene. Doch irgendwie gehörte das zum St. Pauli-Fandasein dazu. Der linke Habitus war für viele andere Vereinsfans ein rotes Tuch. Für uns bedeutete dies stattdessen noch mehr sich für St. Pauli zu engagieren und den Angriffen zu trotzen. Im Jahr 2002 wurde dann das Kollektiv „Ultrà St. Pauli“ gegründet. Da wir uns sowieso schon im Umfeld von Carpe Diem bewegten, wurden wir mit den braun-weissen Mongos und den Grashüpfern angesprochen, zusammen USP zu initiieren. Den Fanclubnamen behielten wir jedoch bei, waren aber nun auch der offizielle Ableger von USP für ganz Nordrhein-Westfalen. In den folgenden Jahren kamen deshalb immer mehr Leute zu unserer Gruppe. Zuerst aus Münster, „radikale Bombenleger auf Lehramt“, dann der „stinkende Pott“, bestehend „aus irgendwelchen Antifa-Mackern auf Arnebolika“, und wenig später auch noch der Teil der Drugados Hamburg, der aus Osnabrück stammt, „die bei der Gründung von WW noch mit der Trommel um den Weihnachtsbaum gerannt sind“. In der Regionalligazeit wuchs der „Wilde Westen“ somit doch erheblich an, verteilte sich letztendlich über fast ganz NRW. Auch im Rheinland gibt es nun WWler, die zum Karneval dem Treiben der Bekloppten mit Cowboystiefeln trotzen.

Schon seit der Gründung des „Wilden Westen“ verstanden wir uns als Ultras. Für viele Mitglieder beim „Wilden Westen“ hatte das jedoch nicht nur den Anspruch gehabt, sich engagiert für den Verein einzusetzen, sondern ebenso ein Zuhause bei USP gefunden zu haben. Viele unserer Mitglieder sind auch politisch aktiv und suchten eben eine Gruppe bei St. Pauli, die diese Werte nicht nur teilt, sondern auch aktiv lebt. So war es auch verständlich, dass wir uns an den verschiedenen antifaschistischen und emanzipatorischen Protesten beteiligten. Nicht nur in Hamburg, sondern auch an anderen Orten fuhren wir gemeinsam zu Demonstrationen. War der Name „Wilder Westen“ hierbei nicht öffentlich sichtbar, traten wir als Menschen auf, denen gemeinsam eine politische Einstellung und Aktivität verband. Auch heute noch ist dies ein Credo, das den Fanclub zusammenhält und selbstverständlich ist.

Doch wenn uns auch Vieles verbindet, sind wir doch eine sehr heterogene Gruppe. Vom Akademiker der brotlosen Künste, über den Studenten im 20. Semester der Sozialwissenschaften, hin zum Malocher aufm Bau, den truck-steuernden A40-Flucher und zum grübelnden Hobbyphilosophen ist unsere Bandbreite sehr weit gestreut. Woher jemand kam, war nie wichtig, sondern wie er sich verhält und was er von St. Pauli auch will. In diesem Sinne ist es auch verständlich, dass unsere Gruppe nie groß war, sondern immer überschaubar. Besonders aufgrund der langen Fahrten, die wir fast nur im Auto zurücklegen, mussten potentielle Mitglieder die Stimmung der Gruppe ebenso leben wie es langjährige Mitglieder taten. Das hatte zwar zur Folge, dass einige Menschen nur kurz bei uns waren, garantierte aber, dass der „Wilde Westen“ weiter existierte und kaum personell fluktuierte. Auch wenn einige Mitglieder oder Ehemalige nicht mehr so häufig zu Spielen von St. Pauli fahren können, ist es gerade die Dynamik der Gruppe und ihre Grundeinstellung zum Fußball, die sie bewegt, immer mal wieder das vergilbte und mit senf-verschmierte St. Pauli-T-Shirt anzuziehen. Der „Wilde Westen“ ist so durchaus von hohen Kontinuitäten geprägt, auch wenn immer wieder neue Leute integriert worden sind. 2010 konnten wir so unser zehnjähriges Bestehen feiern. Wir waren natürlich nie diejenigen, die jede Woche schmerzende Knie aufgrund des Anfertigen von Transparenten und Choreos hatten (auch wenns die ein oder andere optische Aktion von uns gab). Aber wir haben aus der Ferne immer versucht, Ultrà zu leben, eines Vereins, der zwischen 260 und 450 km von uns entfernt beheimatet ist. Wir haben viel mit Leuten aus Hamburg erlebt und noch mehr auf manchmal endlosen Autofahrten durch ganz Deutschland zusammen. Dafür sind wir sehr dankbar.

Soweit, so schön. Offiziell seit Sommer 2012 gibt es nun einige Veränderungen in unserer Crew. Im Grunde gehen diese aber auf Entwicklungen zurück, die bereits seit einigen Jahren in Gang sind. Aus verschiedenen Gründen haben sich vor allem langjährige Mitglieder mit der Zeit etwas von USP entfremdet, auch wenn lange Zeit die „Sektion NRW“ von Leuten aus unseren Reihen betreut worden ist. Gewisse Entwicklungen wie ein untransparenter Umgang mit Gruppen aus der eigenen und fremden Fanszene, Depolitisierungstendenzen und Mackertum seien hier als Stichwörter genannt. Aus der Ferne fällt es immer schwer, für Kritik Gehör zu finden, so dass sich entschieden wurde, der Hauptgruppe diese Kritik gebündelt zu übergeben. Kurzum wurde die enge Verzahnung zwischen USP und dem „Wilden Westen“ etwas gelockert, einige Mitglieder erklärten ihren Austritt bei Ultrà Sankt Pauli. Nicht im Streit oder Groll, wohl aber mit konstruktiver Kritik. Einige WW-Mitglieder sind nach wie vor USP-Mitglieder, andere nicht. Barrieren untereinander gibt es dabei keine. Nach wie vor sehen sich die meisten bei uns als Ultras des FC St.Pauli und es fahren grundsätzlich immer Leute aus unserer Crew zu jedem Spiel und suchen sich einen Platz in der Mitte der Kurve. Wir sehen mit Wohlwollen, dass sich einige Kritikpunkte aus dem Sommer inzwischen angenommen worden ist und stehen gerne in der Südkurve. Die Entwicklungen des Sommers haben zudem dazu geführt, dass unsere kleine Gruppe belebt worden ist und wieder etwas offensichtlicher präsent ist und sein wird.

Wir hoffen, dass einige uns nun besser einordnen können und ihr im Zweifel wisst, wer diese Leute aus NRW sind – mit Sicherheit mehr als nur eine Zaunfahne.

Wilder Westen 2000


1 Antwort auf „Archiv: Basch #24 – On the road with the Cowboys’n’Girls. Wilder Westen 2000“


  1. 1 Ultrà Sankt Pauli 2002 » Bilder und Artikel online Pingback am 09. Dezember 2012 um 18:40 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.