Archiv: Basch #23 – Silvio Meier-Demo 2012

„Unser’n Hass den könnt ihr haben, unser Lachen kriegt ihr nicht!“

Nach der „Wiedervereinigung“ Deutschlands kam es zu einer Welle von Pogromen, rassistischen Brandanschlägen und Morden an Migrant*innen und auch an Menschen, die sich gegen Nazis engagierten. Eines der Todesopfer rechter Gewalt war der Berliner Hausbesetzer Silvio Meier, der – nachdem er einen Naziaufnäher von einer Jacke gerissen hatte – von einem Nazi in Berlin-Friedrichshain erstochen wurde. Seit Silvios Ermordung gibt es jährlich eine Demo um den Jahrestag seiner Ermordung herum; einerseits um Silvio zu gedenken, andererseits um gegen rechte Kontinuitäten vorzugehen, denn die Problematik rechter Gewalt ist seitdem nicht verschwunden und muss weiter offensiv bekämpft werden.
Im November 2012 jährte sich Silvios Ermordung zum zwanzigsten Mal und diesmal machte sich auch ein mehr oder weniger voller Bus mit motivierten Ultras auf den Weg, um an der Demo teilzunehmen. Die Abfahrt war zu einer erträglichen Uhrzeit da, wo früher das Clubheim stand, und ohne nennenswerte Ereignisse kamen wir in Berlin an. Dort führten die Bullen die für größere Demos in Berlin üblichen Vorkontrollen durch, denen wir uns allerdings nicht aussetzen mussten, und weil wir natürlich auch viel schlauer sind als die Cops, schafften wir es nicht nur ohne Kontrolle zur Demo, sondern konnten sogar vorher noch etwas essen.
Die Demo war für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich groß – es waren bestimmt 5000 Leute am Start – und von unserer Position aus war die Demo sowohl nach vorne als auch nach hinten schwer zu überblicken. Die Demo startete, zumindest im vorderen Teil, in Ketten laufend und mit vielen vermummten Teilnehmer*innen. Auf den ersten Metern wurde schon jede Menge Pyro verfeuert und Raketen in die Luft geschossen, so dass die Demo von Beginn an einen sehr kraftvollen Ausdruck hatte und klarstellte, dass man sich nicht so handzahm gängeln lassen würde, wie es oft bei Demos in Hamburg der Fall ist.
Wie üblich ging das Laufen in Ketten nur eine Weile gut, bis sich eine Menge Menschen zwischen die Ketten drängten und sich teilweise beratungsresistent weigerten, doch an einer anderen Stelle der Demo zu gehen, was gerade in Stresssituationen echt unangenehm wurde. Offensichtlich ist das bekackte Verständnis, das einige Idiot*innen von individueller Freiheit haben, jederzeit tun und lassen zu können, was sie möchten, auch wenn es auf Kosten anderer geht. So wurde der Hamburger Block irgendwann ziemlich vom vorderen Block der Demo abgespalten, aber zumindest innerhalb des Hamburger Blocks funktionierte das Laufen in Ketten weiterhin gut. Die Demo war ziemlich lang, führte aber immerhin komplett durch bewohntes Gebiet – das hat mensch auch schon anders erlebt. Redebeiträge kamen bei uns kaum an, weil die Lautianlage zu schwach war und nur ein Lauti am Start, aber Lästern ist leicht – in Hamburg oder auch Kiel steht mensch selten vor der Schwierigkeit, eine Demo für über 5000 Leute zu organisieren. Im Verlauf passierte die Demo auch ein Geschäft, das wohl von einem Nazi betrieben wird, hier flogen Farbbomben und Flaschen. Die Bullen probierten daraufhin in die Demo reinzurockern; soweit ich gesehen habe, haben sie es aber nicht hingekriegt.
Am Bahnhof Lichtenberg wurde die Demo dann vorzeitig aufgelöst, was aber wegen der fehlenden Lautikapazität in unserem Teil der Demo nicht ankam, so dass es noch unnötiges Geschiebe mit den Bullen gab, inklusive Pfeffer. Letztlich sind wir dort alle gut weggekommen, aber die Bullen haben wohl auch noch Festnahmen an der Stelle gemacht. Gegen gezielte Zugriffe von BFE-Robocops müssen wir dringend ein Kraut züchten. Auch die spielen Eishockey oder so…
Trotz dieser Wermutstropfen war die Demo richtig fett und entschlossen, und gut gelaunt machte sich unsere Busbesatzung mit dem Lieblingsbusfahrer der ET zurück auf den Weg nach Hamburg. Nun gab es auch Bier an Bord und großartige Musik aus den Lautsprechern, so dass eine Menge gut gelaunter Leute letztendlich noch vor dem Jolly landete.
Ein dickes „Danke“ geht an die Busorga: Will Antifa Ultra‘ mehr sein als ein Label oder ein netter Vorwand, sich mit XY zu boxen, dann braucht es Leute, die diesen Begriff mit Leben füllen.
Abschließend geht noch ein Dank an CFHH, für die Steilvorlage zu stundenlangen Witzen und Gesängen auf der Busfahrt. Feuer und Flamme für… diesen Staat und so einige andere Dinge.
Lunge