Archiv: Basch #22 – Kommentar: Neues Maßnahmenpaket und die Pyrotechnik

Sie lernen es einfach nicht. Langsam muss man den Eindruck gewinnen, bei der DFL und beim DFB sei nur ein aufgeschreckter Hühnerhaufen von völligen Dilettanten mit der Aufgabe betraut worden, sich mal mit dem Thema “Sicherheit” zu beschäftigen.

Erst stand nach harscher Intervention zur Diskussion, nicht mehr über den gesamten Katalog abzustimmen, sondern hochgradig über die Summe seiner Teile. Für wie blöd halten die die Menschen eigentlich? Dass dabei auf das Instrument Vollkörperkontrollen verzichtet wird, zeigt allzu deutlich, dass sie sich die fundamentale Kritik vieler Fans, Institutionen und Vereine nicht zu Herzen genommen haben, sondern lediglich einzelne Dinge, die stark in die Öffentlichkeit drangen, zu Gunsten einer suggerierten “Dialogbereitschaft” opfern. Jetzt wird handzahm von Kommunikation geschwafelt und offenkundig wird doch nur eins: Erbärmliche Hilflosigkeit und der ständige Verweis darauf, dass man es ja gut meine und im Zweifelsfall der Staat das Heft des Handelns in die Hand nähme.

Die Autorenschaft hat ihren kodifizierten Schwachsinn um die Ohren gehauen bekommen und irrt jetzt weiter durch den weiten Wald der “Sicherheit”. Dass sie dabei gedanklich keinen Schritt weiter gekommen ist, zeigt sich bereits beim ersten Lesen des neuen Fahrplans: “Die Verurteilung von Pyro-Technik, Rassismus, politischem Extremismus und Gewalt bliebt weiter festgeschrieben.” Wie kann man eigentlich so doof sein?

Da stellt DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert schon fest, dass “wir in manchen Bereichen eine Entwicklung [haben], der wir gemeinsam entschlossen entgegensteuern müssen”, macht durch das gebetsmühlenartige Durcheinanderwerfen vieler vor allem qualitativ verschiedener Themen aber ein gemeinsames Arbeiten mit den Fangruppen sofort wieder unmöglich. Eine solche Vermischung der Themen wird niemals zu einer Lösung führen.

Ich wiederhole meine These: Hätten DFB und DFL vor einem guten Jahr oder auch weit davor gemeinsam mit den Fans irgendwie geartete Lösung für Stadionverbote und Pyrotechnik gefunden, dann hätten sie den übergroßen Teil der Fans jetzt als Partner gegen die Dinge, an denen es sich wirklich zu arbeiten lohnt. Denn es gibt Rassismus in den Stadien, es gibt dumme, unnötige Gewalt. Daran hätte “der Fußball” arbeiten können. Die Chance ist vorerst vorbei. Wir tanzen nicht nach der Pfeife irgendeines Verbands und DFB/DFL sind uns gegenüber in keiner Hinsicht weisungsbefugt. Weder strukturell und erst Recht nicht moralisch. Entweder gibt es eine Einigung und einen gemeinsamen Weg mit Kompromissen, oder eben nicht. Und eins ist sicher: Der Verband wird Dinge als Teil von Fußballkultur akzeptieren müssen, die er nicht gut findet, denn der Fußball gehört nicht den Bonzen. Es wird weiter hin und wieder Zusammenstöße geben, es wird weiter Derbyspieltage außer Kontrolle geben, es wird beleidigende Spruchbänder geben, Platzstürme bei Aufstiegsfeiern. Das ist die Kultur der Kurven, das ist der Fußball, ein Massenphänomen, das viele Menschen vereint. Zu gewinnen gäbe es für den DFB trotzdem viel. Es sind vor allem die Ultras, die Rassismus aus den Stadien gedrängt haben. Diesen Weg kann man weiter verfolgen, genauso wie es nur mit und durch die organisierten Gruppen möglich sein wird, einen in weiten Teilen unnötigen Gewaltfetisch, der sich mancherorts etabliert hat, zurückzudrängen.

Wenn die hohen Herren in Frankfurt allerdings weiter hinter unseren Rücken über uns sprechen, dann sind sie in einer guten Position, unsere Ärsche zu küssen.

Bernd-Georg Spies hat jüngst einen interessanten Kommentar in der Süddeutschen veröffentlicht, der glauben lässt, dass er durch sein Interesse an unserer Welt zumindest ein gewisses Verständnis entwickeln kann. Bernd, vom ersten Tag an habe ich gehofft, dass es so kommt, aber die bittere Enttäuschung, deine Unterschrift unter irgendwelchen Agreements “gegen Rassismus, Pyrotechnik und Gewalt” zu sehen, das müsstest du mir dann doch noch einmal erklären.

Wir wollen die Fackeln zurück in den Kurven! Wir wollen sie als Stilmittel, genauso wie unsere Choreographien, unsere Fahnen und unsere Gesänge. Wir wollen sie als Ausdruck unserer Leidenschaft für unsere Kurven, unsere Vereine und unsere Kultur. Niemand verlangt, dass der DFB etwas legalisiert, was per Gesetz verboten ist. Das kann er gar nicht. Aber er kann aufhören, Pyrotechnik zu skandalisieren und zu dämonisieren. Vereine und Verband haben die Medienmacht, hier an einer Lösung mitzuarbeiten. Sie sollten den scheiß Staat tun lassen, was er für richtig hält. Das tut er diesbezüglich Silvester und an jedem anderen Tag auch, da hat niemand Einfluss drauf. Bullen kommen dennoch selten wegen Feuerwerk in die Fanblöcke, da sie auch sehen, dass in aller Regel keine akute Gefahr vorliegt und eine absolute Eskalation nicht lohnt. Ja, Ausnahmen sind mir bekannt.

Im vorgestellten Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle für Sporteinsätze findet sich folgender Hinweis: “Ursächlich hierfür dürfte die zu Beginn des Berichtszeitraumes geführte Diskussion um die Legalisierung von Pyrotechnik in Fußballstadien gewesen sein, die seitens der Fußballverbände (DFB und DFL) in einer Presseerklärung vom 02. November 2011 mit einer Absage der Legalisierung beendet worden war. In ihrer 193. Sitzung (08./09. Dezember 2011) hatte die Innenministerkonferenz dieses eindeutige Votum gegen Pyrotechnik zustimmend zur Kenntnis genommen. Im Anschluss daran hatte der Vorsitzende des Nationalen Ausschusses Sport und Sicherheit, angesiedelt beim Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes NRW, am 09. Dezember 2011 alle Länder und die BPOL gebeten, dass die einsatzführenden Polizeibehörden keine Zweifel an der klaren Absage aufkommen lassen und jeglichen Versuchen, Pyrotechnik im Stadion zuzulassen, konsequent entgegenwirken. Dieser Hinweis dürfte zu einer weiteren Intensivierung der Strafverfolgungsmaßnahmen mit der Folge eines außerordentlichen Anstieges der eingeleiteten Ermittlungsverfahren geführt haben.”

Der Verband sollte den Konflikt hierbei nicht anstacheln und gar fordern, sondern an einer Lösung mitarbeiten, wenn er hofft, dass irgendwann wieder eine gemeinsame Basis entstehen kann.

Aus dieser Sicht ist in der Tat auch die Frage an die Fans zu stellen, warum Pyrotechnik zum ganz überwiegenden Teil bei Auswärtsspielen genutzt wird. Wenn man das Ziel hat, zu zeigen, dass Pyrotechnik als normales Utensil sicher und stimmungsfördernd eingesetzt werden kann, dann erscheint es deutlich sinnvoller, diesen Beweis in der eigenen Kurve anzutreten.Die Gefahr, dass es als “Randale” fehlinterpretiert wird, ist deutlich geringer und die Spielräume deutlich größer.

Anachronist


1 Antwort auf „Archiv: Basch #22 – Kommentar: Neues Maßnahmenpaket und die Pyrotechnik“


  1. 1 Ultrà Sankt Pauli 2002 » Duisburg-Bilder und Basch-Artikel online Pingback am 25. November 2012 um 18:36 Uhr
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