Archiv: Basch #22 – Gastkommentar: USP statt GDP!

USP statt GDP!

Die Folgen mangelnder Öffentlichkeitsarbeit

Aktive Fußballfans bzw. Ultras brauchen ganz dringend eine neue Public-Relation-Strategie. Die Notwendigkeit dafür wurde in den letzten Monaten mehr als deutlich.

Gänzlich neu ist der Gedanke gewiss nicht. Doch erst jetzt wird einem deutlich vor Augen geführt, wohin eine ungenügende Öffentlichkeitsarbeit am Ende führt. Nämlich zu immer schlimmerer Repression, Polizeigewalt, Schikanen, Verbote. Und die Herren DFB/DFL-Funktionäre haben mit dem „Sicherheits“-Papier bereits die nächste Eskalationsstufe in der Pipeline.

Ursache und Ursprung des Übels sind reißerisch berichtende Medien und damit Journalisten, die fast ausschließlich die Sicht von Funktionären und Polizei darstellen. Die Mechanismen, warum das so ist, wurden im Artikel „No hope for glory“ des Magazins „Transparent“ (Nr. 2) sehr anschaulich geschildert und soll an dieser Stelle deshalb nicht weiter ausgeführt werden. Auch hier sieht der Autor die dringende Notwendigkeit für Ultra-Gruppen professionelle Pressearbeit zu machen. Sven Brux schlug auf dem Fangipfel in Berlin in die gleiche Kerbe: “Macht mehr Öffentlichkeitsarbeit. Ich kann die Rainer Wendts echt nicht mehr sehen. Wenn die ihre Polemik ungestraft auf die Bildschirme bringen dürfen, dann müssen wir auch hin.”

Zur Zeit läuft es doch so: Die Journaille hierzulande hat es in jahrelanger Arbeit geschafft, dass inzwischen wirklich jeder Bürger der festen Überzeugung ist, in Fußballstadien herrscht Mord und Totschlag und Schuld daran sind die „sogenannten“ Fans oder Ultras, denen man Herr werden muss. Das wiederum ruft die Politik auf den Plan. Denn wer gewählt werden will, so die dort vorherrschende Meinung, der muss schnellstmöglich der Öffentlichkeit zeigen, dass er „handeln“ kann und gegen diese Fußballterroristen mit harter Hand vorgeht. Also wird – wiederum mit Öffentlichkeitsarbeit – versucht, Druck auf Vereine und Fußballverband aufzubauen. Ins gleiche Populismushorn blasen natürlich auch wieder die unsäglichen Polizeigewerkschaften, verbreitet tausendfach über die Medien. Und die Verbände kneifen gegenüber Gesetzgeber und Medien in vorauseilendem Gehorsam den Schwanz ein. Am wichtigsten scheint zu sein, für die Öffentlichkeit den Eindruck zu vermitteln, dass man ja etwas tut (Stammtisch sagt: „Die sollen lieber handeln und nicht so viel reden“!) und dabei ist, das „Problem“ in den Griff zu bekommen. Also wird mit flugs heißer Nadel ein Maßnahmenpaket geschnürt, das die ohnehin miese Situation von aktiven Fußballfans noch weiter verschlechtert. Dort endet die Kette, denn Ultras haben keine Lobby in der Öffentlichkeit. Sie sind ein dankbares Bauernopfer und der Deutsche Michel ist zufrieden. Doch halt, dann passiert etwas, womit keiner gerechnet hat: Medien berichten über Widerstand gegen die DFB-Pläne auf breiter Flur. Das geschieht aber keinesfalls, weil die Fans aufbegehrten und Plakate hochhielten, sondern weil sie viele Vereinsführungen auf ihre Seite ziehen und überzeugen konnten, das Papier abzulehnen. Schlagartig wurde es interessant für die Presse. Denn ein Club-Präsident scheint in ihren Augen offenbar wesentlich relevanter zu sein, als die Fans in der Kurve. Ein Lehrbeispiel, wer welche Lobby hat und wie wichtig deshalb eine kontinuierliche und offensive Öffentlichkeitsarbeit ist.

Ein weiteres gutes Beispiel ist die Causa Domwache. Fast 1,5 Jahre lang versuchten Fanvertreter in Gesprächen, auf das Problem aufmerksam zu machen und den Bau einer überdimensionierten Bullenwache innerhalb des Gegengeraden-Neubaus zu verhindern. Passiert ist so gut wie gar nichts. Erst nachdem die AG Stadionbau mit dem Thema in die Öffentlichkeit ging, der Jolly Rouge wieder ausgepackt wurde, es große Proteste gab und die Medien über die Thematik berichteten, kam Bewegung in die Sache. Und zwar in allerletzter Sekunde, denn fast hätten Präsidium und Stadionbau-GmbH die Sache in ihrem Sinne ausgesessen.

Was lehrt uns das? Ohne Öffentlichkeitsarbeit ist es kaum möglich, seine Wünsche und Forderungen durchzusetzen. Nur öffentlicher Druck schafft eine gute Verhandlungsposition.

Bislang haben alle Ultragruppen in Deutschland eine zielführende Pressearbeit sträflich vernachlässigt. Auch USP. Die Argumente dafür sind vielfältig. Zum einen wäre da das große Misstrauen gegenüber den Medien. Durchaus berechtigt, doch deren teilweise mieserable Berichterstattung hat auch seine Ursachen in der mangelnden Lobbyarbeit, insofern gilt es, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Hinzu kommt die Meinung, dass es vielen Leuten egal ist, wie die Öffentlichkeit über einen denkt, man daran eh nichts ändern kann, sein eigenes Ding durchzieht und sich lieber auf den Support und seine Projekte konzentriert, statt in wenig erfolgversprechender PR seine Ressourcen zu verschwenden. Und nicht zuletzt: Es gibt doch Stellungnahmen auf der Website, es gibt unsere Fanzines, es gibt zahllose Spruchbänder im Stadion. Nur: Wieviele und welche Leute werden damit erreicht? Richtig: Die üblichen 5 %, die eh schon Bescheid wissen.

Es gibt auch auf Fanebene erfolgreiche Beispiele aus der Vergangenheit. Die AGiM war nur eine kleine Gruppe, hinter der keine Organisation stand, die in Sachen Größe und Struktur auch nur annähernd vergleichbar war wie mit USP, dem Fanclub-Sprecherrat oder der AFM. Und doch hat sie in bester Medienguerilla-Manier für einen unglaublichen Wirbel gesorgt und damit innerhalb eines bis dahin verstaubten Altherrenvereins zahlreiche kaum für möglich gehaltene Veränderungen angestoßen und umgesetzt. Ähnlich BAFF, das ohne die Hilfe großer Ultragruppen (die es damals noch nicht gab), dafür mit beharrlicher Pressearbeit der Öffentlichkeit seine Themen um die Ohren gehauen hat. Das erledigten in der BAFF-„Zentrale“ eigentlich nur 1-2 Leute, ehrenamtlich. Mit großer Wirkung, denn ohne diese Bemühungen würde es heute vermutlich keine Stehplätze geben und das Thema Antidiskriminierung wäre bis heute wohl kaum ein Thema bei Fangruppen bis hin zu Funktionären.

Auch üble Beispiele gibt es, aus denen man lernen kann. Wie haben es die Polizeigewerkschaften erreicht, dass man von ihren dummen, reaktionären Forderungen pausenlos auf allen Kanälen genervt wird? Sie haben es geschafft, dass die Mehrheit der Bürger glaubt, dass Gewalt gegen Polizisten in den letzten Jahren zugenommen hat (was nachweislich falsch ist), dass Fußballvereine für Polizeieinsätze zur Kasse gebeten werden sollten (was nicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist), dass die Justiz zu lasche Urteile fällt (was ebenfalls nicht stimmt) und so weiter und so fort. Steter Tropfen höhlt den Stein, und irgendwann bekommt dann ein Ronald Schill fast 20 % der Wählerstimmen. Seit dem sind CDU und SPD in Sachen Law & Order nach rechts geschwenkt. Die Auswirkungen spüren wir bis heute, und zwar stärker denn je.

Gibt man bei google news mal „Gewerkschaft der Polizei“ ein, erhält man 15.700 Ergebnisse, die sich fast immer so lesen: „Die GdP fordert…“, „Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Bernhard Witthaus, warnt vor…“, Die Polizeigewerkschaft beklagt…“ usw. Und dann natürlich auch die alte, neue Leier: „Die Gewerkschaft der Polizei hat ein konsequenteres Vorgehen und härteres Durchgreifen gegen Fußball-Randalierer gefordert“.

Die erfolgreiche Schaffung von Öffentlichkeit klappt natürlich nicht von heute auf morgen. Eine kontinuierliche Medienarbeit muss das Ziel haben, seine Positionen möglichst oft und möglichst überall zu finden. Bis es auch der letzte Stammtisch-Schwachkopf nachbeten kann. Natürlich sind Presse-Erklärungen notwendig, die knackig und kompetent druckreife Vorlagen liefern. Doch das reicht nicht, denn man muss auch aktiv werden und Journalisten direkt ansprechen, sie anrufen, mailen, informieren, überzeugen, für Dinge Aufmerksamkeit erzeugen. Und natürlich auch jederzeit ansprechbar sein. Kompetenz findet sich dafür genug, nicht wenige Fans/Ultras sind sogar selbst journalistisch tätig. Klar, letztlich machen die Pressefuzzis am Ende, was sie wollen. Was sich auch gehört in einer zensurfreien Gesellschaft. Doch es ist durchaus möglich, Einfluss darauf zu nehmen, was in der Öffentlichkeit diskutiert wird und mit welchen Argumenten.

Letztlich sind das nur Gedanken, Anregungen und Vorschläge. Allerdings habe ich den Eindruck, dass bereits ein Umdenken stattfindet. Die in Basch Nr. 20 selbsterklärte Öffnung von Ultra Sankt Pauli ist auf jeden Fall ebenso richtig wie die Ankündigung, seine Meinung häufiger kundzutun – und zwar auch und gerade außerhalb der eh schon interessierten Kreise. Man darf also gespannt sein!

Johann Meyer


3 Antworten auf „Archiv: Basch #22 – Gastkommentar: USP statt GDP!“


  1. 1 TOB 30. November 2012 um 17:17 Uhr

    Passt wir Arsch auf Eimer, heute im Abendblatt zum Thema Namensschilder für Polizisten:

    (…) Gerhard Kirsch, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), bezeichnet die Forderung als „Misstrauensvotum“. Öffentlich das hohe Vertrauen der Hamburger Bürger in ihre Polizei zu betonen „und hinter der Hand die gesamte Polizei mit einem Generalverdacht zu überziehen, ist eine Ungeheuerlichkeit“. Er fordert Neumann dazu auf, sich gegen eine Mehrheit auf dem Parteitag einzusetzen.

    Gegner einer Kennzeichnungspflicht ist auch Joachim Lenders, Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Er sagt: „Derartige Forderungen manifestieren ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Hamburger Polizei. Die immer wieder behauptete rechtswidrige Verschlossenheit der Polizei gehört zu den wiederholten politischen Märchen der Gegenwart.“

    http://www.abendblatt.de/hamburg/article111691268/Namensschilder-fuer-alle-Hamburger-Polizisten.html

  2. 2 TOB 08. Dezember 2012 um 15:34 Uhr

    Gewerkschaftschef Rainer Wendt forderte gegenüber den „Ruhr-Nachrichten“ eine Sicherheitsgebühr in Höhe von 50 Millionen Euro pro Saison für die Einstazkosten der Polizei. Die Polizei sei am Rande ihrer Handlungsfähigkeit angekommen, betonte er.

    http://www.abendblatt.de/sport/fussball/article111893197/Stadionsicherheit-Politiker-erhoehen-Druck-auf-Vereine.html

    Joachim Lenders, Hamburger Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft, beklagt den Autoritätsverlust seit Langem und hat ihn am eigenen Leib erfahren. „Ich bin seit über 32 Jahren Polizist, auch ich habe auf dem Kiez Dienst gemacht“, sagt er. „Da hat sich vieles deutlich verändert. Früher galt das Wort des Polizisten noch etwas.“ Vorbei.

    http://www.abendblatt.de/hamburg/article111893013/Mehr-Respekt-nicht-nur-auf-dem-Fussballplatz.html

  1. 1 Viel zu sehen am Tage vor der JHV – #FCSP gewinnt daheim gegen Duisburg « KleinerTods FC St. Pauli Blog Pingback am 26. November 2012 um 13:46 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.