Archiv: Basch #21 – Vorwort

Hallo St. Pauli-Fans,

In der letzten Saison schrieb ich im Rahmen der History-Book-Kolumne über den VfL Bochum: “Ich weiß, für euch ist es der Inbegriff des Proll-Asitums, doch für mich hat es immer auch etwas Herzliches und Sympathisch-Unkonventionelles, ja gar Skurriles gehabt.” Zumindest ich bringe den heutigen Gästen also eine gewisse Sympathie entgegen. Erinnert sich eigentlich noch jemand an den “BO-City” Schriftzug, der über viele Jahre am Telekom-Gebäude am Südkurvenvorplatz zu sehen war?

Montagabend also. Schon wieder schlägt die Schweinebande von Sport 1 zu und drangsaliert Heim- wie Gästefans mit ihren Anstoßzeiten. Auch heute wird es dazu natürlich wieder den ein oder anderen Kommentar auf den Rängen geben. Wobei man im Grunde attestieren muss, dass der Protest gegen fan-feindliche Anstoßzeiten generell eingeschlafen ist. Wahrscheinlich sind wir einfach zu zermürbt von der Entwicklung, denn der Spirit der Proteste, den es damals bei Einführung der Montagsspiele und der heißen Phase der Diskussion darüber noch gab, der ist verflogen. Hinzu kommt sicherlich, dass die Montagsspiele damals als wesentliche Bedrohung empfunden worden sind, im Laufe der Jahre und heute wieder sehr aktuell jedoch viel größere Bedrohungen vor uns stehen, die viel weitreichender als die Terminierungen sind. Zwar sind sie in jedem Fall ein Teil des Problems, aber eben einer, das uns nicht elementar bedroht. Außerdem, auch so selbstkritisch muss man sein, haben wir und die gesamte betroffene Fanlandschaft es in den letzten Jahren nicht geschafft, wirksamen Protest zu organisieren. Es darf kein Frieden mit den Montagsspielen geben, aber um da wieder aktiv zu werden, bedarf es zu aller erst mal einer Strategie – und die müssen wir entwickeln, im Idealfall in größeren Zusammenhängen.

Leider können wir uns derzeit nicht nur mit solchen Dingen beschäftigen, sondern noch immer liegen die eben erwähnten großen Herausforderungen vor uns und der gesamten deutschen Fankultur. Kein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo ein weiteres Arschloch aus seinem Bau gekrochen kommt, um sich mit dem Thema zu profilieren. Echte Problemlösung, ja erstmal das Identifizieren der Probleme, ist so weit entfernt wie nur irgendwas. Kurzfristig wird entscheidend sein, wie mit dem “Sicherheitskonzept” des Verbands umgegangen wird. Wir sind sehr unzufrieden mit der Rolle, die der FC St. Pauli hierbei spielt und neben diverser Gremienarbeit wird auch die Jahreshauptversammlung wichtig sein. Wir fordern euch alle auf, bei der JHV aufzutauchen, sofern ihr Vereinsmitglied seid! Nehmt euch den Abend Zeit, es wird wichtig zu zeigen, dass wir Fans der elementare Teil dieses Vereins sind.

Wir erwarten euch alle, denn wir müssen uns und unsere Kultur leider auf verschienden Wegen verteidigen. Ist der “Moderne Fußball” auf dem Weg, den Krieg gegen seine eigene Seele zu gewinnen? Oder nur ein paar Schlachten? Ein paar große, ein paar sehr große sogar, aber… die letzte Schlacht? Wir sagen nein! Er hat noch lange nicht gewonnen und wenn er es jemals tut, dann wird er uns vorher völlig vernichtet haben müssen, denn solange es die leidenschaftlichen Fans in den Kurven gibt, die ihre Liebe zu ihrem Verein, ihrer Kurve und ihrer Fankultur nicht dem gierigen und absoluten Vermarktungs- und Kontrollwahnsinn opfern wollen, solange geht unser Strich mitten durch seine Rechnung. Wir sind unerschütterlich in dem Glauben, dass wir es schaffen werden.

Dieses Vorwort schließt mit einem Rückgriff auf einen Absatz, der bereits einmal erschien: “Gewalt” sind nicht die Leidenschaft der Fans und die Feuerwerkskörper in den Kurven. “Gewalt“ in den Stadien sind die Überwachungskameras in jeder Ecke, die Arroganz der Ordner, die Blicke der Bullen, die einengenden Zäune, die Geschäfte in den Logen, die von Vermarktung getriebenen Anstoßzeiten, die frechen Eintrittspreise und der ewige Schrei nach mehr Repression.

Hoffen wir in all diesen stürmischen Zeiten erstmal also auf eine Fortsetzung der sportlichen Serie aus der letzten Saison, als wir den VfL sowohl am Millerntor als auch im Ruhrstadion mit 2:1 besiegen konnten. Damit uns wenigsten die sportlichen Sorgen von der Seele genommen werden. Bevor es also mit allem anderen weitergeht heißt es erstmal: Hände aus den Taschen, Klatschen, Singen, völlige Verausgabung für Sankt Pauli. Wer nicht mitmacht und meint, mit den Händen in den Taschen in der Südkurve stehen sei cool, ist ein Öddel!

Anachronist