Archiv: Basch #21 – Kommentar: Rumpelstilzchen hatte mehr Weitblick!

„Gewalt, Pyrotechnik und Rassismus wollen wir nicht. Personen, die das nicht akzeptieren, haben in unseren Stadien nichts zu suchen.“ So wurde Ligapräsident Reinhard Rauball jüngst zitiert. Im Grunde nur ein weiterer Beweis dafür, dass sich die hohen Herren mit einem hohen Maß an Ignoranz, Unwissen und Sturheit mit einem Thema beschäftigen, das sie im Grunde offenkundig nicht richtig verstehen.

Sie sehen Dinge, die ihnen nicht gefallen und sie wissen damit nicht umzugehen. Sie können es gar nicht wissen, denn sie verstehen offenbar in keiner Weise, woher diese Dinge kommen, wie sie einzuordnen sind und noch weniger, wie man ihnen begegnen könnte. Es gibt durchaus Fehlentwicklungen im deutschen Fußball. Und als Teil des gesamten Fußballs gibt es sicherlich auch in den Fanszenen Dinge, die nicht gut sind. DFB und DFL haben dazu aber keine Lösung gefunden, nein, noch schlimmer, sie haben nicht einmal eine brauchbare Herangehensweise oder Problemanalyse. Wenn man als Lösung nur einen Hammer zur Verfügung hat, dann neigt man dazu, jedes Problem als Nagel zu interpretieren. Und so haben Verband und Staat seit zehn Jahren im Grunde nur ein Antwort auf alle Entwicklungen, die von ihnen als “schlecht” erkannt worden sind: Repression.

Meine These ist, dass der Fußball gemeinsam an einigen Themen arbeiten könnte, wenn die Atmosphäre nicht so extrem vergiftet wäre. Ein gemeinsames Arbeiten an Rassismus in den Stadien, ja sogar am Thema Gewalt scheint mir prinzipiell durchaus möglich. Die Vermischung dieser Themen, erst Recht die Vermischung mit Pyrotechnik, lässt aber erkennen, dass das elementarste Verständnis für die Belange der Fans in den Kurven fehlt und das es letztlich nicht darum geht, beispielsweise Diskriminierung als menschliches Übel zu erkennen und zu bekämpfen, sondern darum, den Fußball “sauber” zu machen.

Sie führen dabei einen Kampf, der immer weitere Kämpfe provoziert, der die Lage immer weiter wird eskalieren lassen und den sie am Ende nur zu einem extrem hohen Preis gewinnen können. Das Schlimme: Der Kampf ist völlig unnötig. Es gibt kein Problem in deutschen Stadien mit Pyrotechnik. Es gibt im Gegenteil jede Woche aufs Neue viele Fans, die zeigen, wie ein problemloser Umgang mit Bengalos und Co aussehen kann. Sich so krampfhaft auf Bengalos und Rauchtöpfe zu fokussieren und diesem Thema damit eine hundertfach höhere Bedeutung beizumessen, als es verdient hat, ist in der Position des Verbands einfach dermaßen kontraproduktiv, dass man sich doch nur schwer wundern kann, wer da so am Werk ist. These: Hätte der DFB eine Lösung für die Pyrotechnik und die Stadionverbote gefunden, dann wären 95% der Fans, die den Verband jetzt bekämpfen, auf der gleichen Seite und die Diskussion über eventuell vorhandene wirkliche Probleme wäre deutlich zielführender.

Das alles spielt aber keine Rolle, denn Herr Rauball, in geistiger Vertretung der übrigen Pappnasen, maßt sich ein weiteres Mal die Definitionsmacht darüber an, was in ein Stadion gehört und was nicht, was richtig ist und was falsch, darüber, wie der Fußball sein soll. Herr Rauball und andere Anzugträger machen die Regeln und wer sich nicht daran hält, der hat in den Stadien “nichts zu suchen”. Solange diese Mentalität nicht aufgebrochen ist, solange die Fans und ihre Bedürfnisse nicht als wichtiges Element der gesamten Diskussion begriffen werden, solange werden alle Bemühungen um einen “Konsens” zum Scheitern verurteilt sein.

Anachronist


1 Antwort auf „Archiv: Basch #21 – Kommentar: Rumpelstilzchen hatte mehr Weitblick!“


  1. 1 Ultrà Sankt Pauli 2002 » Bilder und Artikel sind online Pingback am 13. November 2012 um 8:31 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.