Archiv: Basch #20 – Vorwort

Hallo St. Pauli-Fans,

Es tut sich sportlich etwas, oder? Klingt zwar etwas schräg bei der aktuellen Tabellensituation, aber im letzten Heimspiel haben wir einen furiosen Beginn gesehen. Auch in Paderborn gab es so einige Lichtblicke und wenn wir endlich mal wieder einen richtigen Knipser in den eigenen Reihen ausfindig machen können, dann wird’s auch was mit einer versöhnlichen Saison mit Ende auf Platz 8 bis 12. Das passt schon.

Wobei natürlich besonders das Unentschieden in Paderborn vom letzten Wochenende schmerzt. Ein Auswärtssieg und vielleicht die erhoffte Trendwende waren mehr als greifbar und so mancher hat sich sicher noch Tage später gewundert, warum wir da eigentlich nicht gewonnen haben. Verrückt, dass gerade Deniz Naki nach seiner Einwechslung den Ausgleich erzielt hat. Deniz, musste das wirklich sein? Ich möchte trotzdem für alle Partei ergreifen, die ihm nach dem Spiel aus vollem Herzen zugejubelt haben. Deniz Naki hat uns so viel mehr geschenkt, als zwei verlorene Punkte in Paderborn ausgleichen könnten. Seine Tore gegen Hansa, sein legendärer Jubel, die Halsabschneidergeste, die Fahne im Rasen des Ostseestadions, seine Abschiedsrede vor der Südkurve und seine Zuneigung zu den Ultras. Unauslöschlich in den braun-weißen Geschichtsbüchern und so viel wichtiger als ein Gegentor. Für mich war es nicht vergleichbar mit dem teilweise blinden Abgefeiere irgendeiner Scheiße, sondern eine Art von Respekt zwischen Fans und Spielern, die es leider im modernen Fußball nur noch sehr selten gibt.

Außerdem bestimmte natürlich die Diskussion rund um das “Sicherheitspapier” die letzten zwei Wochen in der deutschen Fußballlandschaft. Erfreulicherweise hat sich eine Front von Vereinen herausgebildet, die offen opponiert und die haarsträubende Absurdität dieses Pamphlets klar benannt hat. Von den Fananwälten über Einlassungen von anderen Gruppen bis hin zu den teilweise wahnsinnig starken Äußerungen der einzelnen Vereinen – selten war eine Auseinandersetzung mit dem Verband inhaltlich so scharf. Ich könnte mir vorstellen und hoffe inständig, dass diese Tage noch lange nachwirken und die Vereine gemerkt haben, dass sie gegen den Wahnsinn des DFB und der DFL nicht alleine stehen. Leider war unserer Verein mal wieder kein leuchtender Stern an diesem Fußballhimmel. Während andere Vereine tolle Statements und Analysen abgaben, reichte es bei unserem Präsidium nur zu einer gequälten Mitteilung, die neben dem guten und einzig richtigen Ergebnis der Ablehnung zwischen den Zeilen transportierte, dass man ja eigentlich gerne wollen würde, die Fans aber mal wieder zu viel Stress machen. Sorry Gernot, Stefan, Jens, Bernd und Tjark, da fällt uns nichts mehr zu ein. Leider bleibt das Gefühl, dass ihr in keiner Weise verstanden habt, um was es uns geht. Ihr versteht uns und unsere ganze (Fan-)Welt nicht.

Oftmals wird von Vereinsvertretern Bedauern darüber geäußert, dass alles was sie tun bereits im Vorfeld sehr kritisch beäugt wird, dass alles immer schlecht geredet und bei allen Dingen etwas Böses vermutet wird. Erstmal stimmt das nicht, denn es wird auch gerne gelobt, wenn es etwas zu loben gibt, und zweitens wäre doch dann die spannende Frage, woher diese Einschätzung kommt. Fragt ihr euch das wirklich? Es ist das Gefühl, eben nicht gemeinsam auf einem Weg zu sein, sondern um jeden beschissenen Zentimeter kämpfen zu müssen. Dass es eben keine Auseinandersetzungen über kleinere Dinge eines großen gemeinsamen Ganzen gibt, sondern dass allein die Vorstellungen vom Kurs signifikant unterschiedlich sind. Dass Gefühl, dass ihr schlimme Sachen mittragt oder gutheißt, die sich gegen alles wenden, was wir unter Fußballkultur und FC Sankt Pauli verstehen, wenn nicht ständig Leute, Gremien und Institutionen Augen und notfalls Daumen auf euch haben. .Wir würden uns sehr wünschen, dass es anders ist, aber die Erfahrung ist mehrheitlich bitter und selbst in einer so eindeutigen und heftigen Situation wie jetzt, bei der Vereine bis in die höchsten Gremien reihenweise zum Angriff übergehen, kommt von unserer Führungsmannschaft, die Stefan Orth einmal als Piratenschiffe bezeichnet hat, nichts “non established”.

Das Präsidium ist sehr vom Sponsorenpool “Freundeskreis” dominiert. Im Grunde kommen alle Präsidiumsmitglieder aus einer gewissen Ecke und es wurde überdeutlich, dass es im Präsidium an Kompetenz bei Fanthemen fehlt. Der ursprüngliche Gedanke nach der Befreiung von Sonnenkönig Littmann, nämlich das Präsidium als gleichwertiges Team mit Schwerpunkt auf einem speziellen Kompetenzgebiet aufzustellen, ist zumindest beim Thema Fans gescheitert. Mit dem Thema “Fanszene” betraut wurde Gernot Stenger. Ich glaube, Gernot wäre in anderen Dingen ein guter Vizepräsident und wir sollten uns hüten, Leute einfach zu verurteilen. Ihn jedoch als Schnittstelle zu den Fans zu installieren war ein epischer Missgriff und ein Fehler allergrößten Ausmaßes. Er ist bemüht und meist ein feiner Kerl, in diesem Thema aber so falsch aufgehoben wie nur irgendwas. Aus meiner Sicht sollte dies auch im Präsidium erkannt und korrigiert werden, bevor irreparabele Schäden entstehen. Es ist dort dringend jemand nötig, der “unsere Welt” versteht, denn sonst wird es nie einen gemeinsamen Weg und ein vertrauensvolles Verhältnis geben. Knüpft an die Ablehnung dieses scheiß Papiers an und erklärt eure Rollen genau. Nutzt endlich die jetzt das tausendste Mal vor euch liegende Chance, für diesen Verein, seine Mitglieder und Fans so zu arbeiten, wie es alle verdient haben! Zeigt auf welcher Seite ihr seid und dass euch die Führung unseres Clubs zu Recht für eine gewisse Zeit übertragen wurde. Die Themen sind euch bekannt.

Ein paar letzte Kleinigkeiten: Heute wird im ganzen Stadion für das Antirassismusprojekt von USP gesammelt. Tut die Scheine raus für einen guten Zweck!

Noch immer gilt: Werdet USP-Mitglied!

Nach dem Spiel findet wie jetzt jedes Mal der Marsch für die Verbannten statt. Es gibt schon wieder neue Stadionverbote und es sind damit noch einmal mehr Leute geworden, die sich freuen, wenn sie nach dem Spiel mit allen anderen und mit lauten Gesängen durchs Viertel ziehen können. Die aktuellen Stadionverbote bringen so deutlich wie nie auf den Punkt: Gemeint sind wir alle! Dieser Kampf ist der Kampf von uns allen! Wir rufen euch daher zu einem noch größeren, noch lauteren Marsch nach den Heimspielen auf.

Die Verbannten sind außerhalb, aber sie sind nicht draußen!

Anachronist


1 Antwort auf „Archiv: Basch #20 – Vorwort“


  1. 1 Ultrà Sankt Pauli 2002 » Erste Dynamo-Bilder und Basch-Artikel online Pingback am 28. Oktober 2012 um 18:55 Uhr
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