Archiv: Basch #20 –Kommentar: Wer ist eigentlich “very important”?


Jüngst verschickte die FC St.Pauli Vermarktungs GmbH & Co KG Briefe, in denen Präsident Stefan Orth die“persönliche Empfehlung” aussprach, Business Seats auf der Haupttribüne oder in der Südkurve zu einem “exklusiven Vorzugspreis” zu erstehen. Soweit natürlich nicht mehr als das Alltagsgeschäft eines Vermarkters und – um es gleich vorweg zu nehmen – kein Grund, irgendetwas zu skandalisieren. Zwar sind drei Reihen Logen auf zwei Tribünen noch immer kein Grund zum Jubeln und Business Seats in unserer Kurve noch immer scheiße, aber darum soll es nicht gehen. Das Schreiben zeigt lediglich erneut auf, woher dieser Verein die gesamte Grundlage nimmt, die er vermarktet – von uns. Dies ist im Grunde eine sehr schöne Sache, lässt aber vor allem die aktuelle Debatte, in der wir uns gewünscht hätten, dass die aktuelle Vereinsführung sich deutlich zu den Fans und Mitgliedern dieses Vereins bekennt, mal wieder in einem kritischen Licht erscheinen.

In dem Schreiben wird der FC St. Pauli als “Sinnbild des authentischen Fußballs” gepriesen. Er “feiert im Millerntor-Stadion regelmäßig vor ausverkauften Haus ein stimmungsvolles und außergewöhnliches Fußballfest. Die unvergleichliche und legendäre Atmosphäre fasziniert Zuschauer und Spieler gleichermaßen.” Es wird den Empfängern nahe gelegt, diese Atmosphäre und dieses Sinnbild des authentischen Fußballs als Möglichkeit zu nutzen, “Kontakte zu knüpfen und Geschäftsbeziehungen zu pflegen”. Damit enden die Argumente für einen Kauf von elf Karten zu einem Preis von 1.980 Euro (Haupttribüne) oder 1.650 Euro (Südkurve). Das gesamte Angebot, das, womit die Vermarktung neue Kunden generieren möchte, basiert auf dem, was wir in den Kurven und auf den restlichen Tribünen, sowie vor allem auch im Umfeld tun.

Nicht nur den Wert, den der Verein anbietet und zu Geld machen will, sondern auch die Art, wie er es tut, wurde direkt aus der Kurve adaptiert. Wie selbstverständlich ist mittlerweile die Rede vom “FCSP”, und die Kommunikation reiht sich ein in die Liste der Dinge, die bei den Ultras entstanden sind und dann ihren Weg durch Fanszene und Verein nahmen. Vor uns hat nie jemand von “Sankt Pauli” geschrieben. Die Farbkombination der Ultras, braun-weiß-rot-weiß-braun, findet sich dutzendfach im Fanshop. Teilweise sind Fanartikel nicht nur vom Stil der Ultras inspiriert, sondern direkt kopiert worden. Letztlich lässt sich hier auch der Totenkopf nennen, der der weltweit bekannten Marke und dem Kult rund um den FC St. Pauli zu Grunde liegt, aber damals von den Fans ins Stadion getragen wurde.

Dieser “Kult” wird wirtschaftlich so perfide, kühl berechnend und schonungslos ausgedrückt, dass kaum mehr etwas bleibt. Wenn nun sogar noch die Fans, Mitglieder und die Fankultur, die das gesamte Konstrukt FC Sankt Pauli zu dem machen, was es ist, schonungslos von Verband und Staat attackiert werden, ohne dass das Präsidium dieses Vereins diesem Angriff entschieden entgegen tritt, dann hat das nicht nur aus der Vermarktungssicht etwas Selbstzerstörerisches. Fans und ihre rebellische Art, ihr Wille, anders zu sein und ihre Kämpfe um einen anderen Fußball haben das geschaffen, was die Vermarkter nun auspressen. Die jüngste Entwicklung rund um den Umgang mit der Unterlage “Sicheres Stadionerlebnis” hat leider wieder deutlich gemacht: Auf dieses Präsidium können sich die Fans aktuell nicht verlassen. Im Gegenteil. Die Fans müssen immer damit rechnen, dass die eigenen Vereinsvertreter Teil des Problems sind. Das ist ein untragbarer Zustand. Selbst wenn das Präsidium mit den Werten der Fans in den Kurven nichts anfangen kann (und das ist genauso bedauerlich wie offensichtlich!), dann müssten sie spätestens in dem Moment, in dem durch Verband und Staat das gesamte Fundament unseres Clubs bedroht ist, zu dessen Schutz massiv intervenieren.

Es ist ein Erfolg und eine tolle Sache für eine Fanszene, wenn sie sich auf vielen Wegen am Erfolg des Vereins beteiligen kann, und wir geben gerne unsere Kreativität und unseren Enthusiasmus. Dies kann aber nicht einseitig geschehen, sondern der Verein ist aufgefordert, diese Kultur zu beschützen. Andernfalls sollte das “non established” unter dem Vereinslogo vielleicht doch irgendwann durch den Briefkopf der VIP-Werbung ersetzt werden und der FCSP hätte ein neues Vereinsemblem. Wer kennt nicht die kalten Schauer auf dem Rücken, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es im Grunde leider schon viel zu oft besser passen würde?

Anachronist


1 Antwort auf „Archiv: Basch #20 –Kommentar: Wer ist eigentlich “very important”?“


  1. 1 “Denkt an Schweden!” #FCSP dreht daheim die Partie gegen Dresden – und Nebelschwaden « KleinerTods FC St. Pauli Blog Pingback am 29. Oktober 2012 um 15:15 Uhr
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