Mangelndes Problembewusstsein

Wie man eine Stellungnahme zum Diskussionspapier „Sicheres Stadionerlebnis“ der DFL schreibt, hat der 1. FC Union dieser Tage in beispielloser Weise vorgemacht. Nun hat auch der FC St. Pauli, dessen Präsidiumsmitglied Dr. Gernot Stenger in der zuständigen Kommission vertreten ist, diesbezüglich Stellung genommen. Diese Verlautbarung unserer Vereinsoberen ist, mit Verlaub, fast nicht zu unterbieten. Während bei Union ein neunseitiges, praktisch wissenschaftliches und vor allem gemeinschaftliches Papier erscheint, getragen von Präsidium, Wirtschaftsrat und Fanvertretungen, spricht die Stellungnahme unseres FC nur eine Sprache: „Die Mehrheit ist dagegen“ – und im Subtext: „Die Mehrheit, zu der sich das Präsidium nicht zählt, ist unglücklicherweise dagegen, weswegen wir uns dem Druck von Aufsichtsrat und Fanszene beugen.“

Es heißt, es brauche einen anderen Ansatz für einen Reformprozess, weswegen Gernot Stenger sich aus der Kommission zurückziehe. Es wird aber sofort ein Zitat Stengers hinterher geschoben, dass er gerne weiter in der Kommission gearbeitet hätte. Dies ist nicht nur ein Beleg für völlig grottige Kommunikation unseres Präsidiums, sondern vor allem Indiz für die Meinung unseres Präsidiums: im Großen und Ganzen unterstützen sie das Papier, die darin verfolgte Linie und teilen die Auffassung der DFL zu den vermeintlichen Problemen des deutschen Fußballs.

Was wenig überrascht ist dabei, dass dem Flurfunk zufolge, die Truppe um Präsident Orth der ernsthaften Auffassung ist, die im DFL-Papier propagierten Probleme und Lösungsvorschläge entsprächen den Werten und Leitlinien unseres FCSP. Es fällt schwer unter diesen Voraussetzungen den handelnden Personen bezüglich der Positionierung des „non established“ FC Sankt Pauli in der aktuellen Sicherheitsdebatte, aber auch in eigentlich allen weiteren Punkten, noch Vertrauen entgegen zu bringen. Deutlich wird hier kommuniziert, dass Fanbelange dem Präsidium ein Klotz am Bein sind, dessen Last sie gegebenenfalls widerwillig erliegen.

Auf dieser Basis ist nicht damit zu rechnen, dass unser gewähltes Präsidium die Interessen unseres Vereins und seiner Mitglieder bei der DFL adäquat vertreten kann. Es ist ferner zu befürchten, dass sich auch über Weisungen der Mitgliederversammlung hinweggesetzt werden könnte, schließlich lässt sich nicht im Ansatz die nötige Empathie für das Thema auf Seiten der Vereinsführung feststellen.

Der Verein, der sich für seine Fanarbeit, –partizipation und –integration rühmt, verkündet mit dieser Stellungnahme, dass er die Interessen von Fans und Mitgliedern für ähnlich wichtig befindet, wie ein Martin Kind. Der Verein, der sich damit rühmt unangepasst und zumindest irgendwie links zu sein, untersteht einer Truppe, die Konflikte mit der Obrigkeit nicht nur scheut, sondern die Notwendigkeit eines Konflikts gar nicht erst erkennt.

Das Präsidium ist außerdem der Auffassung es erscheine zudem sinnvoll, „bestimmte Grundsätze des „Fußballstrafrechts“ zu konkretisieren, dabei stärker zu differenzieren und mit klassischen Strafrechtgrundsätzen zu synchronisieren.“ Das ist zwar im Grunde nicht gänzlich falsch, nur ist es nicht zuletzt nach dieser Stellungnahme mehr als zweifelhaft, ob die Vorstellungen des Präsidiums zur „Konkretisierung“ überhaupt in die richtige Richtung gehen. Wenn von Gremienvertretern die Rede ist, die etwas monieren, macht das nicht gerade den Eindruck, als würden die Grundprämissen des Diskurses um dieses Papier geteilt. Es scheint als sähe man sich auf gemeinsam mit der DFL im Konflikt mit widerspenstigen Fans. Doch es ist genau anders herum. Vereine, ihre Fans und Mitglieder befinden sich in einem Konflikt mit DFB und DFL, die entgegen der Vereinsinteressen und mit Hilfe einer vorgeschobenen Sicherheitsdebatte, das „Produkt Fußball“ totalvermarkten wollen.

Die Signale dieser Stellungnahme sind ein alarmierend starker Mangel an Einsicht und Einfühlungsvermögen, weswegen es gilt unserer Vereinsführung deutlich die Grenzen aufzuzeigen!

Hakan