Archiv: Basch #19 – Hintergrundrauschen – JHV Kolumne II

Grüßt euch, revolutionäre Garden,

beim ersten Teil dieser Kolumne vergaß ich die Anrede, was nicht wieder vorkommen soll. Ich habe mich beim letzten Mal mit dem Protest rund um die Polizeiwache beschäftigt und war dabei durchaus kritisch, was ich auch nach wie vor bin. Dennoch dürft ihr euch auf die Schulter klopfen, denn trotz allem, was ich, in meinen Augen zu Recht bemängelte, zeichnet sich derzeit ab, dass es eine externe Lösung der Polizeiwache geben dürfte. Grund zu meckern habe ich natürlich trotzdem.

Der Jolly Rouge – ein totes Symbol

Ich halte den Jolly Rouge für ausgelutscht. In meinen Augen hätte das eine einmalige Sache bleiben müssen. Was wir am Dienstag gegen Aalen sahen war die Kopie einer Kopie einer Kopie. Eindrucksvoll war es, zweifelsohne, ein deutliches Signal in Richtung Vereinsführung, aber dennoch irgendwie leer. Bin es ich? Bin ich zu abgestumpft? Ich hab es nicht wirklich fühlen können, den heftigen Protest, das Verlangen nach Veränderung, den unbedingten Willen bis zum Äußersten zu gehen. Einige wenige haben sich reingekniet, ganz sicher, doch spürte ich nur die Reproduktion längst vergangenen Spirits. Es war wie klumpige Suppe, aufgewärmt in der Mikrowelle. Ich will nicht mit Begriffen wie Authenzität hantieren, was sagt das schon, aber da steckte nichts dahinter. Wir sahen 20.000 Pappen aus dem Offsetdrucker und keine Liebe. Das bewirkt kein gehaltvolles Zeichen. Es mag auf den ersten Blick krass wirken, das war’s dann aber auch. Wir als Fans unseres Vereins machten Protest konsumierbar, machten ihn zum Event. Vielleicht um mal wieder Spaß beim Fußball haben, neben dem Fußballsport, der derzeit keinen Spaß macht. Ich habe das Gefühl, wir sind an einem Punkt, an dem wir die Konsequenzen unserer fehlenden Handlungsbereitschaft spüren, wie ich sie im ersten Teil der Kolumne anmerkte. Es zeichnet sich ab, dass dies nicht mehr der FC Sankt Pauli ist, in den sich so viele von uns einst verliebten. Der Teufel, er steckt im Detail. Und während UFA & Co. diese kleinen Details, die wir immer so liebten, nach und nach glattbügeln, sie verspachteln mit frischem, aber kaltem Stahlbeton, merken wir, wie er uns entgleitet unser „magischer“ FC. Wir merken, wie die Magie stirbt, wie sie von Sachverwaltern ausgemerzt wird. Wir haben in einem Stadion unser zu Hause, wo wir zwar im Rahmen einer Viva con Agua-Galerie die Wände bekünstlern dürfen, ein beherztes „FICK DICH, DFB!“ aber sofort mit grauer Wandfarbe erstickt wird, weil ohnehin Kritik immer lieb sein muss und uns mit falschen Toleranzbegriffen der letzte Funke opportuner Haltung ausgetrieben werden soll. Gestehen wir es uns doch ein, im Großen und Ganzen sind wir ein Haufen weißer, verwöhnter Mittelstandskids, die die Welt vielleicht gerne ein bisschen anders hätten, aber bevor wir Scheiße fressen, geben wir lieber klein bei.

Den Jolly Rouge beerdigten vor etwas mehr als einem Jahr meiner einer und Quasimoto in der Basch #1. In der zweiten Ausgabe schob Henning noch seinen schmackhaften Senf hinterher und attackierte den Ständigen Fanausschuss scharf. Man ließe sich, so Henning, seit jeher von den Präsidien unseres Vereins verarschen und die Herrschaften feixten über unsere Dummheit. Insofern sind die Zeilen, die ich in dieser Kolumne schreibe eigentlich auch nichts Neues. Wie der Jolly Rouge nun, ist all mein Gemecker nur aufgewärmter Kram von vorgestern. Das Schlimme daran ist aber ja, dass sich die Richtigkeit von alldem nicht verändert hat.


Susis Showbar Loge – in Vergessenheit geraten

Warum haben wir denn nicht die Loge von Susis Showbar geentert, die Wände beschmiert, randaliert, faule Eier versteckt, warum haben wir nicht mal ETWAS gemacht? Wir haben das gemacht, was wir immer machen, konsumierbaren Protest. Der FCSP bleibt das blasse Abbild eines besonderen Clubs, während hinter den Kulissen alles demontiert wird. Wegen dieser Loge gab es einen Antrag auf der letzten JHV, worum es hier ja letztlich geht, also um Jahreshauptversammlungen und unsere Macht als Mitglieder dieses, nein, unseres Vereins. Der Antrag wurde angenommen, nachdem Uwe Doll noch mal diese beschissene Toleranzkeule rausholte und irgendwas von zu tolerierenden anderen Lebensentwürfen fabulierte. Zuvor hatte schon Stefan Orth quasi alles für obsolet erklärt, als er in seinem Präsidiumsbericht verlautbaren ließ, der Vertag mit Susi würde nicht verlängert. Und ohne jetzt auf die Sexismusargumentation, die man so nicht teilen muss eingehen zu wollen, der Antrag war doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die Loge besteht weiter, auch wenn der Antrag angenommen wurde, auch wenn Stefan Orth damit sein eigenes Wort bricht – und darum geht es doch eigentlich, dass unserem Club unverlässliche Leute vorstehen, die der versammelten Mitgliedschaft Lügen auftischen und sich dafür nicht mal schämen.

Gut sitzen für gut Situierte

In der eben erwähnten Rede wurde auch zum ersten Mal offen gesagt wurde, man sei vom Ansparmodell zum Kreditmodell übergegangen, bezüglich des Stadionbaus. Das klingt jetzt erstmal nach fadester Betriebswirtschaftslehre und das ist es auch, das hat aber zwei relevante Auswirkungen. Zum Ersten sind wir dadurch stark an den sportlichen Erfolg gebunden und das kann ja auch mal schnell bergab gehen, wie wir derzeit beobachten dürfen (von wegen Top 25) und zum Zweiten bedeutet das einem Rückbau der Business Seats in unserem Rücken auf der Südkurve dicke Steine im Weg. Dazu gab es auf der letzten JHV gleich zwei Anträge. Einer wurde abgelehnt, der andere dann zurückgezogen. Auch bei USP gab es viele, die den ersten Antrag abgelehnt haben. Die Befürchtung stand im Raum, der Rückbau der Business Seats auf der Haupttribüne konterkariere unser Ziel des Rückbaus der teuren Sitze im Süden. Das ist zwar richtig, nur hatten uns die Antragsteller auch angeboten, ihren Antrag zugunsten eines Antrags zum Rückbau der Süd-BS zurückzuziehen. Das haben wir nicht wahrgenommen. Auch wir haben uns wohl einlullen lassen, von dem Zahlensalat, von den Kreditverpflichtungen und nicht zuletzt den Versprechen des Präsidiums die Sitze zurückzubauen. Von alleine wird das in den nächsten 20 Jahren nicht geschehen. Ob es also wieder einen solchen Antrag geben sollte, möchte ich in der vierten Ausgabe, die sich dezidiert mit der Vorbereitung der diesjährigen Mitgliederversammlung befasst, diskutieren.

Doch irgendwie unspektakulär

Wenig Diskutabel war der Antrag, die Anschrift des FC St. Pauli in Harald Stender-Platz zu ändern. Wie ihr aber vielleicht wisst, lautet die noch immer Millerntorplatz 1. Die Vereinsverantwortlichen haben sich an die Stadt gewandt, die sagte, das sei viel zu viel Aufwand und so wird es wohl ein Schild vor der Geschäftsstelle geben, das den Harald Stender-Platz ausgibt, etwas Offizielles wird es aber nicht geben.

Zum Ende der letzen JHV gab es dann noch den Antrag eines jungen Menschen, den Gegengeradenbau zu verschieben. Er trieb mit dem Vortragen seiner Begründung dem Präsidium den Schweiß auf die Stirn um ihn dann im letzten Satz zurückzuziehen. Er nannte in seinem Antrag vier Gründe für das Verschieben des Baus: den Abstand zwischen Gegengerade und Domgelände – das ist geklärt, die Positionierung der Fanräume – auch das ist geklärt, die Kamerapositionen in der neuen Gegengerade – auch geklärt. Als letztes nannte er die Polizeiwache und die haben wir derzeit am Wickel, wie wir alle wissen.

Letztlich also mit einem Jahr Abstand, gar nicht so eine spektakuläre JHV, wie ich sie in Erinnerung hatte. Ich bleibe dabei, an den entscheidenden Stellen (Business Seats) haben wir die JHV nicht genutzt, wie wir sie hätten nutzen können und an anderen Stellen (Susi) wären radikalere Lösungswege als Antragstellungen angebrachter gewesen. Wegen des Redaktionsschluss und weil mir nicht viel mehr zur letztjährigen JHV einfällt, beende ich diese Kolumne für diese Ausgabe. In der nächsten Folge bilanziere ich die Leistungen der Vereinsführung im vergangenen Jahr, was hoffentlich wieder etwas spannender wird, aber davon gehe ich eigentlich aus.

Herzlichst, Hakan


1 Antwort auf „Archiv: Basch #19 – Hintergrundrauschen – JHV Kolumne II“


  1. 1 Längst nicht am Ende – #FCSP gegen Union, Dead Can Dance und Fanclub-Delegierten-Versammlung « KleinerTods FC St. Pauli Blog Pingback am 15. Oktober 2012 um 22:53 Uhr
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