Archiv: Basch #19 – Vorwort


Hallo Sankt Pauli-Fans,

beim letzen Spiel haben wir Abschied von einem Freund genommen, der Sankt Pauli und USP seit über zehn Jahren begleitet hat. Für viele in der Südkurve war es das bestimmende Thema jener Tage, wichtiger als Jolly Rouge und bei weitem wichtiger als das Spiel. Dies schlug sich auch in der generellen Stimmung und besonders in den Anfangsminuten nieder, in denen statt der obligatorischen Huldigung der Stadionverbotler erst mit Verzögerung die Vorsänger auf die Zäune stiegen und der Mittelblock der Südkurve nach einer Abschiedschoreo ein “You’ll never walk alone” sang. In meinen Augen ein sehr würdiger Moment in einem Umfeld, in dem er sich immer sehr wohl gefühlt hat. Jan, ein Stück vor dir bleibt hier. In der Identität und in der Geschichte dieser Gruppe. Auch an dieser Stelle noch einmal traurige Grüße und unser Beileid an seine Familie, seine Freunde und seine Gruppe in Bremen.

Im Rahmen der heutigen Ausgabe können wir in dieser Saison mit Union Berlin erstmals einen Gegner begrüßen, der zumindest einen gewissen Namen mitbringt und daran erinnert, dass wir wirklich in der zweithöchsten deutschen Spielklasse vertreten sind. Nach Heimspielen gegen Ingolstadt, Sandhausen und den VfR Aalen ist das ja schon mal eine Abwechslung. Ich kann mich mit einer sportlichen Zweitklassigkeit bis auf weiteres gut arrangieren – ja, sogar positive Aspekte darin sehen – aber die oben genannten Teams und ihr Anhang versprühen jetzt ja bestenfalls Oberliga-Charme. Die kommenden Spiele gegen Union, Dynamo Dresden und Bochum entschädigen dafür dann. Ich freue mich drauf!

STIMMUNG IN DER SÜDKURVE

Wir werden uns in naher Zukunft mal etwas mehr mit der Stimmung in unserer Kurve auseinandersetzen müssen. Besonders in den Außenbereichen geht das überhaupt nicht klar und die vielen Leute, die auch da stehen und etwas bewegen wollen, fühlen sich viel zu oft allein gelassen. Ich kann und will die Lösung nicht vorwegnehmen, denn dazu werden wir einige Gespräche führen müssen und sicher wird es auch etwas Zeit benötigen, bis man die Auswirkungen verschiedener möglichen Dinge beurteilen kann. Ich kann euch nur bitten, euch bereits Gedanken über das Thema zu machen und mal zu überlegen, woran es eigentlich liegt, dass gerade in den Außenbereichen manchmal so wenig geht, obwohl da so viele tolle Leute stehen, die, sobald mal etwas laut aus der Mitte kommt, sofort einsteigen. In unserer Kurve geht noch so viel mehr und es liegt an uns allen, dieses Potential auszuschöpfen – für die Südkurve, für unseren Verein, für die Mannschaft und vor allem auch für unseren eigenen Spaß!

Leider wird einem vor allem das mit dem Spaß manchmal nicht leicht gemacht – vor allem, wenn die Begeisterung nicht nur aus unserem eigenen Tun entstehen kann, sondern auf das Geschehen auf dem Rasen angewiesen ist. Ein guter Teil der schlechten Stimmung kann sicher auch auf die Entemotionalisierung zurückgeführt werden. Wir hatten bis zum letzten Heimspiel einen Trainer, der ausgesprochen unnahbar war, seinen schlechten Ruf aufgrund einiger internen Informationen schon vor seinem ersten Einsatz weg hatte und der einem fast gar nichts gab. Dazu haben wir viele Spieler verloren, die zu einer enormen Identifikation mit dem Team beitrugen. Wir hatten bis vor einiger Zeit Spieler, die wir auch persönlich gut kannten, Knallertypen, die mit uns durch die Scheiße gegangen sind und die zu echten St. Paulianern wurden. Aktuell gibt es davon nur noch wenige. Die Chemie, die so wichtig ist, ist zu weiten Teilen des Publikums irgendwie noch nicht entstanden. Wie auch, und das ist auch in keiner Weise ein Vorwurf an die “Neuen”. So etwas braucht Zeit und Ereignisse auf beiden Seiten, denn das Herz schlägt eben doch doppelt so schnell, wenn man in den Gesichtern der Spieler die eigene Freude und die eigene Glückseligkeit wiederfindet, wenn sie nach einem Tor auf den Zaun der Kurve springen und wissen, für wen und was sie das Tor gerade geschossen haben.

MEDIEN

Kommen wir zu einem anderen Thema: den Medien. Hört ihr Oldie 95 oder Radio Hamburg? Abgesehen davon, dass Oldie 95 jetzt Botox-Behandlungen unter seinen Zuhörern verlost (kein Witz), zeigen diese beiden Sender in diesen Tagen mal wieder aufs Neue, wie Populismus funktioniert. Beide Sender haben eine Umfrage gestartet, ob die Obdachlosen, Alkoholiker, Punks und das, so wird es zumindest suggeriert, sonstige Gelumpe vom Hauptbahnhof vertrieben werden soll. Natürlich, wir sind ja immer noch in Deutschland, gab es dafür breite Zustimmung und beide Sender reiten seitdem mächtig darauf herum, wie sehr sie sich in den Dienst des Volkes stellen, damit dieses sich nicht mehr fürchten oder für seine Stadt schämen muss. Im ethymologischen Sinne einfach asozial. Das Spannende daran: Es ist ein Paradebeispiel, wie Medien Konflikte schüren und verstärken, teilweise gar erst kreieren.

Die Angriffe auf die deutsche Fanszene werden analog dazu ebenfalls von vielen Medien befeuert und erst zu dem gemacht, was sie mittlerweile sind. Es wurde mit der “Gewalt in den Stadien” ein Aufhänger gefunden, der weite Teile der Bevölkerung, wenn auch gänzlich unbeteiligt, aktiviert, der einfach funktioniert. Skandalisieren von Kleinigkeiten, Schocken, Aufbauschen, sich ständig mit härteren Forderungen und krasseren Schlagzeilen überbieten – so funktioniert die Medienlandschaft mittlerweile. Saubere und differenzierende journalistische Arbeit kommt nicht mehr an gegen das gnadenlose Bedienen von Vorurteilen und das fortwährende Präsentieren von neuen “Skandalen”. Das das aktuell völlig unabhängig von Fakten und unter Verlust jeder Verhältnismäßigkeit passiert, ist beschämend für die “Vierte Gewalt”. Wo sind eigentlich die öffentlich-rechtlichen Programme, die sogar die gesellschaftliche Aufgabe haben, den völlig abgedrehten und nur von Emotionen und Quote getriebenen Privat- und Boulevardmedien etwas entgegenzusetzen?

Eins von hunderten Beispielen aus der letzten Zeit: Dynamo Dresden in Berlin. In den ersten Berichten wurde in einem kleinen Absatz erwähnt, dass es Zusammenstöße vor dem Spiel gegeben habe, ein paar Leute verletzt und 30 Fans festgenommen worden sein. Wahrheitsgehalt an dieser Stelle völlig unerheblich, denn es folgte in den meisten Medien die verbüffende Wertung, dass es im Grunde keine Probleme gab. Ein Polizeisprecher hatte sich in dieser Richtung geäußert. In der gleichen Woche: Freiburgs zweite Mannschaft gegen Koblenz. Der Google-Newsfeed ist voll mit Berichten. “Vor dem Spiel hatte es gegen 13 Uhr eine heftige Auseinandersetzung zwischen rivalisierenden Anhängern des TuS Koblenz und des gastgebenden SC Freiburg gegeben. Nur durch starke Polizeikräfte konnte die Situation geklärt werden. (..) Am „Zentrum Oberwiehre (ZO)“ sollen die Koblenzer laut Polizei vier Freiburger Ultras entdeckt haben. Die Straßenbahn hielt gegen 13 Uhr an der ZO-Haltestelle. Als sich die Türen öffneten, rannten die 35 Koblenzer sofort aus der Bahn, sprangen über die Absperrungen und liefen über die Fahrspur, ohne auf den Verkehr zu achten. „Autos mussten bremsen, die Fahrer hupten“, so ein Augenzeuge (..) Ob es zu einer tätlichen Auseinandersetzung gekommen ist, wird von der Polizei ermittelt.” Fühlt sich da niemand verarscht? Es wird deutlich, wie sehr die Medien die Deutungshoheit an sich gerissen haben und wie sehr sie über die Steuerung von Empfindungen auch Politik vor sich hertreiben. Der Fußball ist aktuell nur das größte Opfer, bald werden es wieder Ausländer, “Schläger” oder eben wie bei Radio Hamburg zurzeit die Asozialen vom Hauptbahnhof sein. Es reicht mittlerweile schon, dass irgendwo im Breisgau jemand bei einem Oberligaspiel eine Backpfeiffe bekommen hat, um das Thema “Gewalt in dern Stadien” wieder ganz oben zu platzieren. Ähnliches gilt beim Thema Pyrotechnik. Man kann nur hoffen, dass die seriösen Journalisten sich wieder hervortun, dass eine angemessene Berichterstattung, die ihrer Aufgabe nachkommt und Relationen herstellt zwischen Einschränkungen von Freiheiten und den wahrgenommenden Problemen, wieder die Oberhand gewinnt.

Ich will auch hier nicht vorgreifen, aber ich wage die These, dass auch die Fans sich für diesen Prozess weiter öffnen müssen. Trotz aller Vorbehalte und allen Enttäuschungen, die wir schon erlebt haben. Lange, lange Zeit haben wir uns amüsiert über die Schlagzeilen und uns über manche Formulierungen ins Fäustchen gelacht. Es wird zu bewerten sein, ob die aktuelle Situation weiterhin zulässt, dass mit uns nur gemacht wird und wir selber nichts machen – denn die Ergebnisse lassen nichts Gutes erahnen. Ich glaube, der Druck, der durch größtenteils Lügen und Dramatisierung auf unserer ganzen Subkultur liegt, kann auf Dauer nicht mehr einfach ignoriert werden. An dem Tag, an dem wir für unser Handeln den Segen der deutschen Öffentlichkeit bekommen, sollten wir uns unser Scheitern eingestehen und aufhören, aber es gibt einen großen Unterschied zwischen dem, was aktuell wirklich passiert und dem, was von weiten Teilen empfunden wird und was unter anderem von Polizeigewerkschaften und einigen politischen Kreisen brutal ausgenutzt wird, um ihren Krieg gegen die Fans in den Kurven, gegen das Subkulturelle und das Nonkonforme, gegen das Unkontrollierbare zu führen.

PRÄSIDIUM UND “OFFIZIELLE”

Die eben angesprochenen Kampagnen gegen die Fans treiben absurde Blüten. Der letzte Gipfel war tatsächlich ein Gipfel. Ein Treffen der Vereine unter Führung der Liga und des Verbands, der noch krassere Maßnahmen gegen Fans, gegen die imaginierte “Gewalt” in den Stadien vorbereiten soll. Hierbei kritisieren wir vor allem die Rolle, die unsere Vereinsvertreter spielen.

Liebes Präsidium, diese Zeilen sind mit so tief empfundener Enttäuschung geschrieben, wie selten zuvor. Wir haben euch gewählt und gefeiert, wir haben euch unterstützt. Wir haben so viele Hoffnungen in euch gesetzt und euch vertraut. Wir waren bereit, von ganz vorne anzufangen und den Weg gemeinsam zu gehen. Gegen alle Widerstände, Schulter an Schulter, so wie wir uns unseren FC St. Pauli wünschen. hr seid uns in so elementaren Dingen in den Rücken gefallen, obwohl ihr sonst auch so viele tolle Dinge tut. Ihr habt uns euer Vorgehen kalt und schonungslos präsentiert und das wisst ihr. Gernot, Bernd, Stefan, ihr wisst es und ihr scheißt drauf. Ihr glaubt, wir seien letztlich für die Bilanz nicht wichtig, unsere Träume seien letztlich für die Bilanz nicht wichtig, denn in den für die gesamte Fankultur wichtigen Dingen haltet ihr aktuell nicht zu uns.

Ihr tut gerne so, als wärt ihr welche von uns. Und wir wollten es so gerne glauben. Vielleicht waren wir blind vor der Vorstellung, dass wir einen gemeinsamen Weg haben und ihn zusammen gehen. Ich möchte es noch immer so gerne glauben und belüge mich selbst mit angenommenen Sachzwängen, mit euren tollen Leistungen gerade Anfang des Jahres (auch wenn sie sich nach Offenlegung aller Fakten relativiert haben). Es stimmt alles nicht. Ich fürchte, ihr habt vergessen, wo und wer wir sind. Vor Geltungssucht bei den hohen Herren des DFB gelähmt, dem Feind der Fans, vor der Institution, die uns, die der Seele vieler Vereine in einer Weise den Krieg erklärt hat, wie sie deutlicher nicht sein könnte. Ihr sollt gegen die Fans ausgespielt werden, wir sollen gespalten werden und obwohl ihr das Spiel durchschaut, spielt ihr mit. Vielleicht haben auch wir das Spiel zu lange mitgespielt, denn es hat unsere Gegner stark gemacht.

Es gibt keinen Mittelweg, ihr müsst euch entscheiden, auf welche Seite ihr steht und ich habe Angst, dass alle unsere Träume und Hoffnungen abermals bitter enttäuscht werden, wenn ihr eure Wahl trefft. Gernot, der du an dieser Kriegserklärung mitwirkst. Du meinst es so gut, du hast so viel gelernt, wir haben so viel gesprochen, und du bist ein herzensguter Mensch. Leider zeigt das nur deutlich, dass du genau weißt, was du tust. Bernd, ich erinnere mich wie gestern an die Handschläge und unsere Gratulationen zur Präsidentschaft noch auf der Bühne des CCH. Du, der Schattenpräsident mit Ambitionen, der tolle Typ. Dass du den “Kodex” unterschrieben hast, obwohl du genau wusstest, welchen Weg dieser ebnen sollte und dass es in unserem Verein, in dessen Namen du das getan hast, tiefgehende Diskussionen zu den Themen gibt – ich konnte es nicht fassen. Ist das wirklich der geile Ehrgeiz, der reine Opportunismus dem Verband gegenüber? Stefan, gibt’s dich noch? Jens, Tjark, wo steht ihr?

Wir wollten euch nie etwas Böses, aber wir können eure Kälte nicht verstehen. Ihr würdet uns verkaufen, in einer Zeit, in der wir eure Hilfe brauchen. Das wichtigste Kapital des FCSP für ein paar absurde Allmachtsphantasien der selbsternannten Gralswächter in Frankfurt, die vor keinem ordentlichen Gericht Bestand hätten. Ich bin es so leid, und doch langsam gewohnt, enttäuscht zu werden. Ich würde so gerne weiter mit euch probieren, diese kalte Welt zu besiegen und den FCSP wirklich zu etwas Besonderem zu machen. Wir warten auf ein Zeichen, dass ihr das auch wollt, denn sonst werden wir irgendwann in naher Zukunft alle Gemeinsamkeiten verlieren. Sie bröckeln an so vielen Ecken und ihr kuscht vor dem Verband wie ein geprügelter Hund. Selbst euer Argument, dass es schwierig ist, alleine vorzutreten, ist hinfällig, denn Union Berlin (!) ist ein Leuchtturm geworden – es würden sich viele Vereine anschließen, wenn endlich eine Front gegen den DFB und sein verkrustetes, absurdes System entsteht. Es gibt so viele Ansatzpunkte. Zum einen bei diesen wahnsinnigen Maßnahmen nicht mitzumachen, zu informieren, Alternativen aufzeigen, mit uns gemeinsam Möglichkeiten prüfen, zusammenrücken. Seht ihr die Stadionverbotler auf dem Bunker und vor dem Stadion? Einige der treusten Fans, die dieser Verein hat? Lasst sie endlich rein und haltet den Widerspruch aus!

Die avisierten Maßnahmen sind ein Frontalaufgriff auf die Fans und die Fankultur der Kurven, wie sie seit Dekaden bestehen. Ich hoffe, einige derjenigen, die zurzeit in der Front der Angreifer marschieren, wechseln noch die Seiten und retten damit die Seele dieses Vereins und sich selbst.

Der DFB will uns eingeschüchtert, voller Angst, verschreckt, willenlos und von der Angst gelähmt, die nächste beknackte Strafe zu bekommen, weil wir ihrer perversen und absolutistischen Sicht der Dinge nicht entsprechen. Denn nur mit Ahnungslosen und unsolidarischen Vereinen kann er es so bunt treiben. Besinnt euch auf die Fans, auf die Seele dieses Clubs, der euch für eine beschränkte Zeit operativ anvertraut ist. Lasst uns gemeinsam vor den kläffenden Hunden fliehen und zeigen, wie die (Fußball-)Welt auch aussehen kann.

Wo immer man dieser Tage von Sicherheit hört, muss man Schlimmes erwarten.

Fick dich, DFB! Wir scheißen auf euren Kodex!

Anachronist