Archiv: Basch #18 – Hintergrundrauschen – JHV Kolumne I


Teil 1: Die Problematik von Bullenwache und Museum
Auf diversen Ebenen formiert sich gerade wieder einmal Protest um den FC St. Pauli. Wieder einmal, oder in diesem Fall, jetzt erst. Es geht um die geplante Polizeiwache in der Gegengerade, wo man nun, beinahe mit der Fertigstellung merkt: „Achja! Die Bullen…“ Schön blöd oder jetzt erst recht? Der Frage und vielen weiteren geht es im Folgenden auf den Grund zu gehen.

Gefühle und andere Sachzwänge

Der aktuelle Protest spricht sich für ein Museum und für eine Polizeiwache aus. Er spricht sich zwar gegen eine Polizeiwache in der Gegengeraden aus, aber mit der Forderung die Wache auszulagern, wird eben auch der Erhalt und die Renovierung einer Polizeiwache gefordert. Das Vorgehen ist wohl nicht dumm, muss man in einer Demokratie doch die Mehrheit hinter sich bringen und die ist mit einem „ACAB“ nicht hinter dem Ofen hervorzuholen. Also der Weg über das Museum, was ja durchaus als solches positiv zu bewerten ist. Lassen wir das Museum jedoch für einen Moment aus unseren Gedanken verschwinden und denken nur über die Wache hüben oder drüben nach. Es fällt schnell auf, dass wir vornehmlich über eher „eingebildete“ Wohlfühlfaktoren reden, wenn wir gegen die Polizeiwache polemisieren. Letztlich geht es ja oft um Gefühle, um Seele und Geist. Das neue Millerntor wird seelenlos genannt, die Gegengerade wird mit einem Parkhaus verglichen und jetzt auch noch die Bullen. In Zeiten, da das alte Millerntor verschwindet und lediglich in einem Bildband konserviert werden kann, ist der Protest gegen eine Polizeiwache im Stadion der Versuch, den Spirit zumindest noch zu einem kleinen Teil zu wahren. Leider jedoch kacken Gefühle in Verhandlungen mit Entscheidungsträgern gegen tatsächliche oder vermeintliche Sachzwänge ab.

Betrachtet man es auf einer sachlichen Ebene, ist ein Protest, der sich lediglich gegen eine Wache in der Gegengerade richtet, leider haltlos. Es wird mit dem Fanladen in den Fanräumen argumentiert und natürlich ist es verständlich sich keine Beratung in Rechtsfragen bei Stadionverboten oder Ähnlichem neben einer Bullenwache zu holen. Es wird ja auch nicht beim Scheidungsrichter geheiratet. Nur ist das Problem doch nicht so neu, wie es teilweise dargestellt wird. Es besteht schon die ganze Zeit, seit der Fanladen mit den Fanräumen in die Gegengerade ziehen wollte. Die Domwache war schließlich die ganze Zeit da und mit ihr auch die Kamera entlang der Gegengerade. So scheiße das also ist, das Argument zieht nicht, denn das Problem löst sich nicht dadurch, dass die Bullen nicht in die Gegengerade ziehen, sondern dass der Fanladen da nicht einzieht.

Nebenbei bemerkt sind andere Argumentationsmuster über misshandelte Fans in der Wache und einen sich entladenden Sturm der Entrüstung doch völlig an den Haaren herbei gezogen – während ersteres ja noch denkbar ist, man werfe nur mal einen Blick auf entsprechende Erlebnisberichte bezüglich des PK 16, ist zweiteres großer Quatsch und das wissen auch alle Verantwortlichen.

Es ist also dem Problem einer Polizeiwache an sich mit sachlicher Argumentation nicht beizukommen, da 50 Meter einfach keinen faktischen Unterschied ausmachen. Eine Bullenwache in der Gegengerade ist dabei aber natürlich unangenehmer. Ablehnung, Unbehagen und Hass gegenüber der Polizei ist angesichts des Erfahrungsschatzes beinahe jeden Fußballfans schlichtweg verständlich. Es geht also beim Protest jetzt darum die Schergen des Staates nicht als Untermieter, sondern lediglich als Nachbarn zu haben – ein schwacher Trost, wenn es denn gelingt. Genau das muss eben auch bei dem von Sankt Pauli Fans verabschiedeten Positions- oder Forderungspapier erwähnt werden, so sinnvoll das realpolitisch ist, die Maximalforderung ist das eben nicht.


Das Museum als Hebel: Wie die Vereinsführung zuvor alles verkackte

Rufen wir uns jetzt wieder die Variable „Museum“ ins Gedächtnis. Wenn „gegen die Polizei“ auf sachlicher Ebene nicht funktioniert, dann muss man sich anschauen, was die Lage in der Gegengerade denn faktisch zerstört: Platz. Der ist rar auf Sankt Pauli und der Verein wächst. Hier findet sich also der einzig sachliche Hebel in der Argumentation gegen die Wache in der Gegengeraden und daher ist es durchaus sinnig für das Museum zu streiten. Den Sachrittern der Vorstandsebene kann man hierbei die Augen zum Leuchten bringen, schwärmt man ihnen von der exponierten Lage im Viertel, Touristenhorden, die von der Reeperbahn zum „Paulistadion“ pilgern, wo sie eine Stadionführung machen, sich das Museum ansehen und im Fanshop einkaufen, vor. Das ganze mit Marktingsprech gewürzt: „Synergieeffekte nutzen“, „Markenkern“, blabla. Doch dann ist da noch der schnöde Mammon und so heißt es das Ganze sei ja schön und gut, aber zu teuer, denn die externe Wache muss wer bezahlen? Richtig, der Verein.

Warum der Verein die Renovierung der Domwache zahlen müsste und die restliche Historie rund um das Gezeter und Gezerre zu dieser Thematik dürften mittlerweile hinlänglich bekannt sein. Sie wurden auch bei der kürzlich erschienenen Ausgabe von Lutz Wöckeners „Pommes braun-weiß“ mit Michael Meeske, Christoph Nagel und Sönke Goldbeck nochmals benannt, weswegen jetzt nur ein kurzer Abriss folgen soll, für die paar wenigen, bei denen noch überhaupt kein Wissen zur Thematik besteht.

Weil eine Stadionwache ja ohnehin Vorschrift ist und die Stadt dem klammen Stadtteilklub beim Stadionneubau so großzügig mit einer Bürgschaft (und diversen daran geknüpften Bedingungen) unter die Arme gegriffen hat, fühlte man sich damals (2005/06) zu einem Gentlemen’s Agreement verpflichtet um „Synergieeffekte“ zu nutzen, denn den ollen Domwachenbau gibt’s ja auch noch. Den aber wollte man nicht mehr. Zu alt, zu teuer, nicht funktional genug. Da Haushaltsplanung aber tendenziell eher vorbei an realistischer Bedarfsplanung geschieht, ist natürlich auch kein Geld für etwas Neues im städtischen Etat vorgesehen und so schlägt man zwei Fliegen mit einer Knappe und zeckt sich bei den Zecken ein. Der Plan verschwand dann erstmal in der geistigen Schublade, bis sich, als sich der Gegengeradenbau näherte, irgend ein Heiopei, ausgerechnet an diese Absprache erinnern musste, zu der es natürlich keinen Vertrag gibt. Aber man ist ja Hamburger Kaufmann, wo ein Wort das Gewicht eines Vertrages hat. Das gilt zwar nie, wenn es um Absprachen mit Fans oder Vereinsgremien geht, aber die haben ja auch kein wirkliches Druckmittel. Und so zog man die Planung mit der Polizei in gewohnter Duckmäuser-Manier durch und ließ sich dabei am Nasenring durch die Manege führen. Deutliche Hinweise aus der Fanszene, dass das alles zu Problemen führen würde, ignorierte man, als der interne Druck größer wurde, heuchelte man zumindest Dialog- und Handlungsbereitschaft um dann das gute alte Kostenargument herauszuholen oder mit „Verhandlungserfolgen“ wie Quadratmeterreduzierungen zu glänzen. Allein, dass Leute, die ursprünglich nicht mal Miete zahlen wollten, als Verhandlungspartner akzeptiert werden, ist an Unfassbarkeit kaum zu überbieten. Hierbei sei darauf hingewiesen, was bei unserem Präsidium als Verhandlungserfolg gilt. Im Zuge der finalen Planungen der Gegengeraden konnte das Präsidium einen tollen „Verhandlungserfolg“ verkünden und mit größeren Kosteneinsparungen protzen. Dabei wurde verschwiegen, dass die Kosteneinsparungen einzig aus Leistungseinsparungen (keine Klinker z.B.) resultieren, muss man ja nicht zwangsläufig erwähnen.

Womit die Rolle der Vereinsführung eigentlich auch schon abgehandelt wäre: Kein Problembewusstsein, kein Arsch in der Hose, halten Fans für Idioten, sind obrigkeitshörig und Meister des vorauseilenden Gehorsams. Für das und die vielen anderen Böcke, die sich die Herrschaften geleistet haben, sollte man sie eigentlich schon lange abgewählt haben, das aber scheitert an der Verfügbarkeit von Leuten, die Geld und Zeit für eine ehrenamtliche Präsidiumstätigkeit genauso mitbringen, wie Empathie für den Geist unseres Clubs und seiner Fanszene. Wir leisten uns also, aus Mangel an Alternativen, ein eigentlich untragbares Präsidium.

Die Fanszene: Zu sehr auf Dialog geeicht und die Zeichen zu spät erkannt?

Unsere Fanszene wird gerne als kritisch gelobt oder als überkritisch abgetan. Doch wie kritisch waren wir hinsichtlich der Polizeiwache in der Gegengeraden? War uns das Problem als solches präsent und wichtig? Ich glaube und das ist mein subjektives Bild aus diversen Gesprächen, dass sich die Fans unseres Vereins hinsichtlich der Problemwahrnehmung etwas uneins waren und sind. Für die einen ist das ein krasser Skandal, andere finden das vielleicht doof, aber auch nicht weiter wild. Menschen haben eben eine unterschiedliche Frustrationstoleranz. Doch selbst wenn es da unterschiedliche Meinungen gab – hinter keinem Protest standen bisher alle – was haben diejenigen mit entsprechendem Problembewusstsein geleistet? Wieviel Druck wurde aufgebaut, wie viel Öffentlichkeit wurde geschaffen? Es gab ein Cover und Artikel im Übersteiger, USP machte eine kleine Choreographie mit dem Übersteigercover und in einigen Blogs wurde das Thema hier und da mal erwähnt. Aber letztlich muss man doch konstatieren, dass der Druck aus der Fanszene für die Vereinsführung weniger schmerzhaft war als ein Getreidekorn im Schuh. Da hätte ich auch nur müde gegähnt und den Vorwurf müssen wir uns eben auch alle gefallen lassen. Natürlich hat man sich ein Stück weit auf die AG Stadionbau verlassen, die, so weit das beurteilt werden kann, auch gute Arbeit geleistet hat. Nach außen kamen von der AGSB immer wieder Informationen, die komplexe Thematik spricht in der Regel wohl vornehmlich Nerds an, nicht den gemeinen Fußballproll. Nach innen hingegen hat man sich darauf verlassen, anerkannter Gesprächspartner der Vereinsführung zu sein, was in den meisten Bereichen auch stimmte – immer dann, wenn es der Vereinsführung nicht wehtat. Bezüglich der Wache lies man die aufmüpfigen Fans lieber am langen Arm ausgestreckt hungern und warf lediglich ab und an Appetithäppchen hin. Das hätte die AG Stadionbau vielleicht früher merken und entsprechend alarmieren müssen. Die AG Stadionbau ist bezüglich des Stadionbaus das am besten informierte Gremium im Verein, allerdings auch das einzige ohne Befugnisse. Entscheidungen beeinflussen können sie nur über gute Argumente und Öffentlichkeit. Mit Argumenten ist man bezüglich der Wache von Anfang an gescheitert, der Versuch Öffentlichkeit zu erzeugen floppte bis zuletzt. Erst zu diesem Spiel soll der Jolly Rouge wieder als Symbol ins Stadion getragen werden, für Sozialromantik, für ein gefühlsbetontes Wertekorsett, für das, was den „Markenkern“ ausmacht. Die Welle, die jetzt gemacht wird, hätte früher gemacht werden können und müssen.

Quo vadis, Protest?

Grundsätzlich muss man sich mal eingestehen, dass wir zwar immer gerne groß rumtönen, Petitionen starten, Romantik beschwören und rote Fähnchen schwenken, also eine immense Drohkulisse aufbauen, aber wenn wir die Pappenheimer, die wir angreifen dann mal bei den Eiern haben, dann wird deutlich, wie wenig eigentlich dahinter steckt, wenn wir große Welle machen. Wenn ich mich als Präsidium Jahr für Jahr auf die JHV setzen kann und alles was passiert, ist, dass stets (zum Wohle des Vereins) NICHTS passiert, was weh tun könnte, ja dann hab ich auch keine Angst vor 20.000 roten Fahnen. Wenn nur drei Leute kapieren, dass ich mich einer hanebüchenen Sachzwangargumentation bediene und der Rest der Mitglieder sagt: „Oh! Achso ja, Kredite, das ja wichtig, und das Stadion wollen wir ja auch.“ Sorry, dann müssen wir nicht Revolutionskräfte spielen, denn dann kommt da weniger Kommunismus bei rum, als bei Gevatter Stahl. Ich sage nicht, wir sollen den Protest sein lassen, wir müssen uns aber über die Konsequenzen unseres Handelns bewusst sein. Wie diese aussehen oder auszusehen haben hängt natürlich vom Ausgang der jetzigen Bestrebungen zur Finanzierung von Museum und externer Wache ab.

Szenario 1: Der Protest zeigt Wirkung, keine Bullen in der Gegengeraden

Es kann sein, dass durch nun aufgebauten Druck, durch nun vorhandene Öffentlichkeit eine 180 Grad Wendung in der Entwicklung stattfindet. Die Vereinsführung präsentiert rechtzeitig vor der JHV ein Finanzierungsmodell, alle Betroffenen stimmen dem zu, auf dem Heiligengeistfeld öffnet eine zweite Baustelle und fast alle haben sich lieb. Dieses Szenario ist der Hoffnungsschimmer der „Bewegung“. An dieser kleinen Chance hängt derzeit der komplette Protest. Es kann daher nicht verwundern, dass von Seiten der Vereinsführung fortwährend der Wille zum Museum bekundet wird, die Faktoren Zeit und Geld jedoch relativierend jedem Statement hinzugefügt werden.

Szenario 2: Der Protest scheitert, die Bullen ziehen in die Wache.

Die Chance von Szenario 1 ist weit kleiner, als die Chance dieses Szenarios: Das Präsidium sitzt das Geplärre der Fans des Vereins ganz einfach aus (wie gewohnt), die Bullen ziehen ein. Vollends werden wir uns dann blamiert haben, wenn auf der JHV Konsequenzen in folgender Anzahl gezogen werden: 0. Unsere Glaubwürdigkeit würden wir damit vollends verspielt haben und dann gilt es noch die letzten halbwegs erträglichen Jahre beim Fußball zu genießen (Stichwort wehende Fahnen). Tatsächlich hätte ein Aussitzen vor allem für uns Nachteile. Da es meist heißt, man wolle dem Verein nichts schlechtes sind ernsthafte Konsequenzen auf der JHV äußerst unwahrscheinlich. Warum also, sollten sie das nicht aussitzen? Nur wenn sie es aussitzen und wir sie dafür nicht abstrafen, dann ist das ein deutliches Signal: Die Fans können noch so viel Radau machen, letztlich haben die nichts in der Hand. Wenn das zutrifft, dann sind wir alle, so progressiv, so rebellisch, so unangepasst wir auch sein mögen, nichts weiter als das vermarktbare Hintergrundrauschen der Marke FC St. Pauli. Es liegt an uns, dass da noch immer non-established im Logo steht, obwohl jeder weiß, dass das nicht stimmt. Und es stimmt nicht, weil uns das nötige Durchsetzungsvermögen abhanden geht. Wir bilden uns sonst was auf unsere Kreativität und unsere Mitarbeit ein, sind aber vollständig assimiliert. Fanintegration ist für den FC St. Pauli, was Greenwashing für Vattenfall ist.

Fazit

Der Protest als solcher ist absolut verständlich und das Millerntor wird mehr Sankt Pauli sein, wie wir es wollen, ohne die Wache. Er kommt zu spät, das ist jetzt nicht mehr zu ändern. Soll man sich nun an dem Protest beteiligen, der so aussichtsreich nicht ist? Auf jeden Fall! Nicht nur steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Lösung gefunden werden kann, je breiter der Protest getragen wird, es sinkt auch die Wahrscheinlichkeit, dass man sich als Fanszene insgesamt blamiert. Wichtig ist jedoch, dass wenn der Protest scheitert, wir auf der JHV im November entsprechend Konsequenzen ziehen. Daher bildet dieser Beitrag den ersten Teil einer vierteiligen Kolumne zur Vorbereitung auf die JHV.

Das Präsidium und die Geschäftsführung unseres FC Sankt Pauli gebaren sich derzeit wie die Eiche, die sich nicht schert, wenn sich die Sau an ihr schubbert, weil sie es können. In Erwägung dieses Bild trifft zu, müssten wir aufhören Sau zu sein und zur Axt werden. Das scheint evolutionär zwar unmöglich, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und vielleicht werde ich ja auch eines Besseren belehrt und alles wird gut, bzw. um 50 Meter besser.

Hakan


2 Antworten auf „Archiv: Basch #18 – Hintergrundrauschen – JHV Kolumne I“


  1. 1 Lesetipps (Folge 03) | LICHTERKARUSSELL Pingback am 26. September 2012 um 17:42 Uhr
  2. 2 Leidenschaft auf den Rängen, Leiden auf dem Platz – #FCSP Heimniederlage gegen Aalen « KleinerTods FC St. Pauli Blog Pingback am 28. September 2012 um 11:44 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.