Archiv: Basch #13 – Interview Rainer Wulff

Rainer Wulffs Durchsagen beim letzten Heimspiel
Beim letzten Heimspiel gegen den Karlsruher SC haben die Karlsruher zum Einlaufen der Mannschaften in Gästeblock ein paar Blinkbengalos gezündet. Dies geschah offenkundig auch als Reaktion auf die extrem weitreichenden Verbote, die der FC St. Pauli den Gästefans im Vorfeld aussprach und die gemäß des “St. Pauli-Modells” mit dem Einsatz von Pyrotechnik beim vorherigen Gastspiel am Millerntor begründet worden sind. Dafür spricht, dass zeitgleich die vorher auch verbotenen und vermutlich geschmuggelten Zaunfahnen auf dem Zaun gezeigt worden sind. Es wurde sich in der BASCH schon mit dem “St. Pauli-Modell” auseinandergesetzt und betont, dass es damals ein gemeinsamer und von allen getragener Vorstoß war. Allerdings muss man mit einigen Jahren Erfahrungen feststellen, dass sich dieses Modell zumindest aus Fansicht überlebt hat und von teilweise nicht mehr aktuellen Prämissen ausgeht. Der Einsatz von Pyrotechnik war natürlich auch bei diesem Spiel zu erwarten, denn wenn einer ganzen Fanszene jeglicher Freiraum genommen wird, sich auf andere Weise auszudrücken, dann bleiben nicht viele Möglichkeiten – von der geschürten Aggression gegen St. Pauli mal ganz zu schweigen. Dass dann in der Kommunikation noch von “willkommenen Gästen” gesprochen wird und das Fanlied als Gruß gespielt wird, das wird so mancher Karlsruher nur noch als Hohn empfunden haben.

Als Reaktion auf die Pyrotechnik der Karlsruher folgte eine Durchsage von Stadionsprecher Rainer Wulff. Soweit, so bekannt. Allerdings wies Rainer Wulff nicht nur auf das Verbot hin, sondern kommentierte das Geschehen noch weiter und so fiel letztlich sinngemäß der Satz, dass die Karlsruher bei weiteren “Vergehen” das nächste mal eventuell gar nicht mehr anreisen dürfen. Bäm! Dar war es wieder, das Thema der harten Strafen, gegen die sich alle Fans und auch der FC St. Pauli sowie andere Vereine zurzeit so wehren. Viele Fans waren sauer darüber, dass gerade beim FC St. Pauli Fans mit harten Strafen gedroht wird und so unsensibel mit einem Thema umgegangen wird, das Fankultur in ihrer althergebrachten Form so stark bedroht. BASCH hat Rainer Wulff unter anderem zu diesem Thema befragt.
Hallo Rainer! Toll, dass du dir kurz die Zeit nimmst, ein paar Fragen zu beantworten. Deine Äußerungen beim Heimspiel gegen Karlsruhe haben bei vielen Fans hohe Wellen geschlagen, da ja zurzeit sehr stark über Aussperrungen, harte (Kollektiv-)Strafen und die Gerichtsbarkeit des Verbandes diskutiert wird. Auch der FC St. Pauli ist betroffen und wehrt sich aktuell gegen die absurden Entscheidungen des Sportgerichts.
Zu welchen Reaktionen sind die Vereine durch die DFL- und Verbandsvorgaben verpflichtet, wenn es zu Situationen im Stadion kommt, die die hohen Herren, die die Regeln machen, nicht im Stadion sehen wollen?

Genaue Direktiven sind mir nicht bekannt. Früher gab es immer mal wieder Stadionsprecherschulungen durch DFB und DFL für alle Kollegen. Da wurden neben Themen wie „Musikeinspielungen bei ruhendem Ball“ auch Sicherheitsfragen und entsprechende Ansagen diskutiert. Das ist leider eingeschlafen. Darum habe ich im vorigen Jahr bei der DFL – auch auf Bitte anderer Stadionsprecher – ein neues Treffen angemahnt, aber bislang keine Antwort erhalten.

Gibt es da noch eine spezielle Anweisung zu Pyrotechnik oder gilt diese Pflicht beispielsweise auch bei anderen Vorfällen in gleicher Weise?

Es gibt nur einen minimalistisch formulierten und unverbindlichen Mustertext, in grauen Vorzeiten mal angefertigt für den Fall, dass den Stadionsprechern spontan nichts einfällt. Themen unter anderem Pyro, Panik und Notfälle. Aber auch der DFL ist klar, dass die Ansprache in den Vereinen unterschiedlich gehandhabt wird und auch situationsbedingt ausfallen muss. Bei einer dieser Tagungen waren zum Beispiel auch Psychologen der Uni Köln, die uns rieten, immer ganz rational vorzugehen, d.h. jedes Verbot (Pyro, Würfe, aber auch zum Beispiel rassistische Diskriminierung von Fans, Spielern, Schiri) kurz und knapp zu begründen, also im Fall von Pyro auf konkrete Gefahren und auf mögliche Konsequenzen für Verursacher und Opfer hinzuweisen.

Was steht wirklich dahinter? Geht es tatsächlich rein um die Sicherheit, oder hast du auch das Gefühl, dass vor allem ein gewisser Habitus vermarktet werden und von störenden Elementen befreit werden soll? Der saubere, sichere Fußball für Familien und zahlungskräftige Werbekunden im Rahmen des “Produkt Profifußball”?

Da DFB/DFL zu dieser ganzen Thematik seit ewigen Zeiten in keinem Kontakt zu den Stadionsprechern stehen, kann ich die Intentionen nicht beurteilen, weil das reine Spekulation wäre. Was heute noch gilt, galt so auch schon 1986, als ich erstmals dabei war.

Wenn es vor allem um Sicherheit geht, wie erklärst du dir dann den starken Fokus auf Pyrotechnik? Die Verletzten durch Pyrotechnik sind sehr, sehr überschaubar, vor allem seit in den Kurven wieder sehr kontrolliert gezündelt wird. Von anderen Ländern sprechen wir mal gar nicht. Im Grunde ist jeder Fahnenstock und wie wir ja leidvoll erfahren mussten, jeder Bierbecher und jede Papierrolle zumindest ähnlich gefährlich. Von den Folgen übermäßigen Alkoholgenusses mal ganz zu schweigen. Woher kommt deiner Meinung nach der starke Fokus auf das Feuerwerk?

Ganz einfach: Was leuchtet, knallt, pufft und stinkt wird von jedem Zuschauer und Beobachter wahrgenommen und fällt mehr auf als z.B. ein Feuerzeugwurf, den man nur aus nächster Nähe erkennen kann.

Immer wieder fragen sich Fans: Ist es nicht sinnlos, darum zu bitten, dass die Fackeln ausgemacht werden? Die werden von den Fans ja sehr bewusst und geplant gezündet, von daher sorgen solche Formulierungen immer für ein Schmunzeln.

Rein formal: Die Schiedsrichter vermerken in ihrem Bericht, wenn Stadionsprecher nicht reagieren. Das kann strafverschärfend wirken. Beim Kassenrollenwurf beim Frankfurt-Spiel gab’s sogar einen Anruf von unserer Bank, wo Felix Zwayer mit Spielabbruch für den Fall weiterer Würfe gedroht hatte. Ich hatte übrigens ein oder zwei Spiele zuvor darum gebeten, auf alle Würfe in Philipp Tschauners zeitweise „zugemüllten“ Strafraum zu verzichten, was manche als überzogen kritisierten. Der konkrete Fall zeigt aber, dass diese Bitte nicht ganz zu Unrecht erfolgte. Ob mit solchen Ansagen eine Hoffnung auf Einsicht verbunden ist? Ich will zumindest nicht ausschließen, dass es Fans gibt, die einsichtig sind und ihre Freunde etwas „bremsen“.

Auch für viele St. Pauli-Fans gehört die Pyrotechnik zurück in die Kurven und sie machen sich viele Gedanken, wie das sicher möglich wäre und welche Modelle man ausprobieren könnte. Kannst du verstehen, dass die sich von deiner Aussage deutlich gegen den Kopf gestoßen fühlten?

In unseren Leitlinien steht, dass allein das Fußballspiel im Vordergrund stehen soll. Pyro als Rahmenunterhaltung wird dort ebenso wenig erwähnt wie etwa Stangentanz. Aber ich nehme zur Kenntnis, dass es Fans gibt, die wahlweise Pyro, Tanzshows, Cheerleaders oder Maskottchen toll finden, Elemente, für die ich mich weniger begeistern kann. Im Ernst: Was die Gefahr von Pyro anbelangt, kann man sich als Nicht-Chemiker doch nur auf die Einschätzung der Experten verlassen. Da gibt es z.B. jenen Sprengmeister, der als Sachverständiger in einem Prozess gerade in Hamburg sagte: „Bei Explosionsstoff ist Pyrotechnik das Gefährlichste überhaupt, weil sie kaum zu kontrollieren ist.“ Und in der Zeitschrift „11 Freunde“ antwortete Lutz Kurth (Bundesanstalt für Materialforschung) auf die Frage nach den in Stadien verbreiteten gefährlichen Stoffen: „Vor allem die bengalischen Lichter, aber auch Rauch- und Nebelmittel. Problematisch dabei ist, dass diese gar nicht für Europa zugelassen sind, sondern aus dem Internetverkauf stammen…Magnesiumpulver hat eine unheimlich hohe Verbrennungstemperatur. Außerdem kann sich eine Staubwolke entwickeln, und wenn diese entzündet wird, kann es zu einer Explosion kommen…Mitunter reichen 10 bis 15 Gramm. Wenn die angezündet werden, kann es schon einen schlimmen Feuerball geben. Wenn es sich in der Luft verteilt und abbrennt, ist jeder in unmittelbarer Nähe betroffen.“

Als Stadionsprecher bist du während des Spiels zu einem guten Teil die Stimme des Vereins und somit laut Regularien verpflichtet, das, was von wem auch immer als “falsch” bestimmt wurde, zu kommentieren. Ist es nicht sehr problematisch, in so einer Position seine eigene Meinung so stark einfließen zu lassen und damit auch für alle anderen, die den FC ausmachen, zu sprechen?

Meine private Meinung spielt in solchen Fällen keine Rolle. Und ich „kommentiere“ auch nichts, sondern unternehme den Versuch, Gast- oder Heimverein und auch einzelne Fans vor real drohenden Sanktionen zu bewahre, zu denen – leider – auch Pauschalsanktionen zählen, die ungerecht sind und obendrein nichts bringen. Das würde und müsste ich auch machen, wenn ich Pyro supertoll, völlig ungefährlich und stimmungsfördernd fände, weil es Spielregeln und Strafen gegen Verstöße nun mal gibt.

Maßt du dir nicht ein sehr patriarchale Rolle an, in dem du über die nötigen Regularien hinausgehst und die Fans von oben herab regelrecht maßregelst oder ihnen drohst?

Dass ich nicht über die „nötigen Regularien“ hinauszugehen glaube, habe ich oben schon erläutert. Wenn das aber als „patriarchales“ Gehabe ankommt, mag das mit meinem Alter und der Tatsache zu erklären sein, dass ich das alles ja schon eine Weile mache. Ich bin allerdings auch sicher, damit den Nerv der Mehrheit der Fans zu treffen, die nämlich Schaden von ihrem Verein fernhalten möchten, der ja schon hohe Strafsummen zahlen musste: Euro für Pyro.

Eine Drohung mit einem Reiseverbot – so etwas erwartet man vom DFB, aber nicht von St. Pauli. War es nicht falsch, ein derzeit so emotionales Thema wegen ein paar Blinkern ins Feld zu führen? Gerade, wo sich der Verein aktuell stark für Fans engagiert und man damit doch dem ganzen Schwachsinn des Verband noch einen seriösen Anstrich gibt und auch anderen vermittelt, solche Überlegungen des DFB wären irgendwas anderes als ein Skandal.

Auch diese Blinker können die Vereine teuer zu stehen kommen. Nach meiner Durchsage war das Thema dann ja zum Glück erledigt, was ich mir aber gar nicht auf die Fahne schreiben will. Drohung? Nein, drohen kann doch nur jemand, der selbst auch Strafmittel hat. Wie gesagt: Ich habe Tatsachen benannt, Konsequenzen, die sich die Fans vor Augen führen sollten.

Du bist seit über 25 Jahren ehrenamtlich als Stadionsprecher tätig und begleitest den FC St. Pauli somit auch im Stadion ein lange Zeit. Wie hat sich das Erlebnis Stadion verändert? Hat uns der moderne Fußball gefressen?

Genauso wie sich für uns Stadionsprecher im Laufe eines Vierteljahrhunderts die akribische Vorbereitung eines Spieltags samt Ablaufplan für Videotechnik, Beschallung, Sprecher-Crew verändert hat, ist der gesamte Rahmen um ein paar Nummern gewachsen. Aber ich gehöre nicht zu jenen, die stets „alten Zeiten“ nachtrauern, sondern bin sehr dankbar, diese Entwicklung miterleben zu können, inkl. Stadionbau. Manche Auswüchse haben wir ja alle zusammen auch immer mal wieder verhindern können, zumindest beim FC St. Pauli. Darum wäre ich sicher bei keinem anderen Verein solange geblieben! Die viel zitierte „Eventisierung“ hat’s natürlich auch bei uns gegeben, was ja nicht per se negativ ist, wenn ich z.B. an manche schöne Choreo denke, die auch zum Event beiträgt. Und dieses Stadionerlebnis empfinde ich noch genauso aufregend und im wahrsten Sinne des Wortes „Herz ergreifend“ wie früher, als ich noch keine Beta-Blocker benötigte.

Mochtest du deine alte Sprecherkabine eigentlich lieber als die jetzige?

Als ich anfing, gab’s noch keine Sprecherkabine. Da saß ich (Stadionsprecher und Techniker in einer Person) auf der alten Haupttribüne, mitten zwischen den Fans. Die Sicht auf’s Spielfeld war besser als heute, auch später aus der alten engen, zugigen Sprecherkabine. Jetzt ist’s ein von der Technik geprägter Raum unterm Dach Höhe Eckfahne und vor allem: Teamarbeit mit einer tollen Crew. Und wir haben nun sogar eine Heizung, was ja im fortgeschrittenen Alter ganz angenehm ist!


Danke-Bitte-Spielchen, Aufforderung zur Unterstützung, Animation durch den Stadionsprecher… Wie lange bleibt uns das noch erspart? Prägst du persönlich viel oder gibt es da klare Handlungsanweisungen vom Verein?

Handlungsanweisungen habe ich noch nie erlebt. Die „Liturgie“, also Zeremonie und Riten, hat sich ja langsam entwickelt. Dabei haben wir auch so manches ausprobiert und schnell festgestellt, dass die Akzeptanz fehlte. Ich habe sogar ein einziges Mal das Danke & Bitte-Spiel versucht, als ich das im Urlaub erstmals überhaupt gehört hatte und zwar beim Eishockey. Und es hat auch bei uns funktioniert! Aber beim späteren Feedback mancher Fans habe ich eingesehen, dass das nicht zu uns passt. Ich glaube, dass kaum irgendein Bestandteil unseres St. Pauli-typischen „Gesamtkunstwerks Fußball“ so im Austausch mit den Fans entwickelt wurde, wie die Präsentation des Spieltags, egal, ob Musikprogramm, Ritual, Hymnen, Mannschafts- und Torpräsentation. Ich erinnere auch an den St. Pauli-Kongress mit für alle Fans offenem Arbeitskreis zu diesem Thema! Wenn aber „Eins“ und „Nuuul“, „Bitte“ und „Danke“, „Auf geht’s!“ und „Die Hände zum Himmel“ sowie häufiger Beschallungsterror während des Spiels gewünscht würden, wäre ich nicht mehr dabei, wahrscheinlich nicht mal als Fan.

Ich erinnere mich, dass wir vor Jahren mal darüber diskutiert haben, wie die Mannschaftsaufstellung verlesen werden soll. Eher informativ oder eher zelebriert, indem die Zuschauer und Fans die Nachnamen rufen. Hast du Präferenzen? Läuft die Mannschaftsvorstellung zurzeit aus deiner Sicht gut?

Diese Diskussion fand statt, als wir noch keine Videowand hatten, auf der man Vor- und Nachnamen ablesen konnte. Darum der damalige Beschluss: beide Namensteile per Lautsprecher. Geändert haben wir das dann nach Installation der Wand. Das akustische Feedback, vor allem von der Süd und der Gegengerade, ist ja gewaltig, wie Daggi und ich auf dem Platz mitkriegen. Aber wenn’s anders gewünscht würde: kein Problem! Zum Beispiel durch Beschluss per Mitgliederversammlung oder Zuschauerbefragung?!

Ich muss es fragen: Welches Gäste-Lied ist dein All-Time-Favorite?

„Nellie the Elephant“ von Holstein Kiel gefiel mir, weil’s so gar nicht mit diesen karnevalistisch anmutenden Preis- und Lobgesängen zu tun hat. Aber das war auch nie die Holstein-Hymne, sondern das haben wir gespielt, weil sich die Kieler Fans den Song gewünscht hatten, die ihre damalige Hymne wohl ziemlich scheußlich fanden. Mein Fazit nach Jahrzehnten erduldeter Hymnen: Wenn’s die Gäste-Fans erfreut, ist der Zweck erfüllt. Und schön für uns alle, dass wir so gemeinsam die Vielfalt deutschen Musikschaffens kennenlernen!

Vielen Dank für deine Zeit und die Antworten!

Rainer kann bei diesem Spiel leider wegen eines Krankenhausaufenthaltes nicht im Stadion sein. Auch auf diesem Wege wünschen wir einen guten Verlauf!