Archiv: Basch #11 – Vorwort zu Verbandsstrafen

Das Vorwort aus der Basch #11 wurde vor dem heute gesprochenen DFB-Urteil geschrieben und veröffentlicht, aber es enthält die richtigen Worte als Reaktion auf die auferlegte Aussperrung von 5.800 St. Pauli-Fans:

Lieber Leserinnen und Leser,
manchmal kommt’s schneller, als man denkt. In diesem Fall handelte es sich nach dem Auswärtssieg in Duisburg um unsere Rückkehr an die Tabellenspitze der zweiten Liga. Zwar nur für einen Tag, aber da Fürth, Düsseldorf und Paderborn patzten und lediglich die Frankfurter Eintracht durch einen Sieg im Stadtduell drei Punkte einfahren konnte, finden wir uns auf dem zweiten Tabellenplatz wieder, der ja, ihr wisst es alle, am Ende den direkten Aufstieg in die Bundesliga bedeuten würde. Es ist beruhigend zu sehen, dass unser Verein sportlich auf einem guten Weg ist und die Gefahr nicht besteht, dass sich der Albtraum nach dem letzten Bundesligaabstieg wiederholt. Ob es dann am Ende tatsächlich der Aufstieg wird und wie wir das finden, das können wir dann zu einem späteren Zeitpunkt noch Mal genauer betrachten.

Im Raum steht aktuell noch immer eine Bestrafung des Vereins wegen des Kassenrollenwurfs beim Frankfurt-Spiel. Am kommenden Montag werden Vereinsvertreter dort in Frankfurt erscheinen müssen. Das Abendblatt schrieb jüngst in Bezug auf die Vorladung des FC St. Pauli vor das Sportgericht: “Damals erwirkte das Duo [gemeint sind Gernot Stenger und Helmut Schulte] nach dem Bierbecherwurf gegen einen Schiedsrichterassistenten eine Platzsperre mit Teilausschluss der Öffentlichkeit. St. Pauli musste das erste Heimspiel der laufenden Saison in Lübeck austragen. Nun müssen die Verantwortlichen des FC St. Pauli erneut in Frankfurt am Main vorstellig werden und ihr ganzes Verhandlungsgeschick unter Beweis stellen.” Ohne die Bemühungen von Gernot und Helmut von damals schmälern zu wollen, die sicher mit besten Vorsätzen gehandelt haben, muss man doch deutlich feststellen, dass das Ergebnis sie kritisiert. Schon damals hätten sie sich nicht auf die Verhandlungen einlassen dürfen, sondern von Anfang an den Wahnwitz der Diskussion herausstellen sollen. Was damals galt, gilt heute noch mehr. Wir erwarten von unseren Vertretern, dass sie dieses perfide Spiel eines völlig außer Kontrolle geratenen Verbands endlich nicht weiter mitspielen und keine Strafe akzeptieren, die über eine Geldstrafe von wenigen Tausend Euro hinausgeht. Eine Sperrung von Stadionbereichen als Strafe für eine Choreo-Papierrolle aus der Fankurve ist in keiner Weise akzeptabel! Noch vor wenigen Jahren wurden die Prognosen, wie der DFB den “sauberen Fußball” forcieren möchte, wie er die Leute, die den Fußball für Dekaden ausgemacht haben, aus dem Stadion drängen will, wie er die klassische Fankultur töten, seine Funktion als Sportverband aufgeben und den Weg für die totale Vermarktung und Geldmacherei freimachen will – diese Prognosen wurden von Fans damals mit den absurdesten Beispielen versehen. Heute müssen wir feststellen, dass die Realität noch deutlich absurder ist.

Wir fordern daher von unseren Vertretern in Frankfurt, die auch in unserem Auftrag dort sind, endlich das verrottete System DFB und die hilflosen und einfach falschen Bestrafungsorgien gegen die Vereine deutlich zu kritisieren. Die Aufarbeitung des Bullenschweinske-Cups ist ein leuchtendes Beispiel dafür, dass man auch mal den Mund aufmachen kann, wenn so viel Unrecht geschieht. Es darf keinerlei Verständnis für die Härte der Strafen geben, die aktuell ausgesprochen werden. In gewissen Situationen kann eine Taktik durchaus darin bestehen, den braven Jungen zu spielen und Strafen aus taktischen Erwägungen zum Wohle des Vereins zu akzeptieren. Allerdings haben die im Raum stehenden Bestrafungen den Rahmen des Erträglichen seit langem verlassen. Stefan Orth stellte seine Präsidiumskollegen in der Presse einst als Piratenschiffe dar. Lasst sie auslaufen! Wir sollten als FC St. Pauli leben statt nur zu überleben – viele andere Vereine werden es uns danken.
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Anachronist