Archiv: Basch #10 – Der Gang über Leichen

Was ist denn das nun schon wieder für eine Meldung, die uns da erreichte? Am Dienstag berichtete das Hamburger Abendblatt, dass der Kontrollausschuss des DFB als Sanktion für den Wurf einer Kassenrolle auf den Frankfurter Spieler Pirmin Schwegler beim letzten Heimspiel unseres FC gegen die Eintracht für einen Teilausschluss der Öffentlichkeit plädiert hat. Genauer gesagt, soll es laut der Meldung um die Sperrung der Stehplätze gehen. Nicht ganz klar ist bislang jedoch, ob es sich „nur“ um die Stehplätze auf der Südtribüne handeln soll, oder ob weitere Blöcke von der Sperrung betroffen sind.
Da unsere Vereinsverantwortlichen dem Strafantrag nicht zugestimmt haben, ist das letzte Wort jedoch noch nicht gesprochen und die Sache geht vor ein DFB-Sportgericht. Wie dies dann entscheiden wird, steht natürlich in den Sternen.
Doch allein der Strafantrag des Kontrollausschusses ist Grund genug, ein paar Worte darüber zu verlieren. Wenn man von dem Namen dieses Gremiums ausgeht, dann soll hiermit irgendwas kontrolliert, gelenkt, gewährleistet werden. Selbstredend der ordnungsgemäße und sichere Ablauf von Lizenzligaspielen. Aber mit was für Mitteln denn eigentlich? Die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, dass das einzige Instrument dieses Ausschusses das Verhängen von Sanktionen ist. Die Angebotspalette reicht hierbei von Geldstrafen über Platzsperren bis hin zu Geisterspielen zu Lasten des „schuldigen“ Vereins. Also des Vereins, dessen Anhänger gerade mal wieder in den Augen des Ausschusses Mist gebaut haben. Dass die Vereine gar nicht die Verantwortung für jeden einzelnen Fan tragen können, geschweige denn wollen, ist dabei völlige Nebensache. Denn die Idee, die dahinter steckt, ist natürlich die finanzielle Sanktionierung des einzelnen. Denn wissend, dass die Vereine ja gar keine absolutistischen Herrscher über ihre Fanszene sind, werden sie dazu aufgefordert, die verhängten Strafen beziehungsweise die erlittenen finanziellen Einbußen an die „Straftäter“ weiterzugeben. Juristen nennen das dann: „Regress nehmen.“ Dadurch soll dann jeder einzelne Stadionbesucher unter dem Damoklesschwert stehen, dass im Falle eines unerwünschten Verhaltens seinerseits mit Rückgriffsforderungen gegen ihn zu rechnen ist, die weit über das Maß des Schulterbaren hinausgehen. Im Extremfall kann dies sogar den finanziellen Ruin und die Privatinsolvenz bedeuten, denn die Summen gehen nur allzu schnell in fünf- oder sechsstellige Beträge.
Die gewünschte Verhaltenssteuerung aller Stadionbesucher wird dabei bewusst mit einem Gang über Leichen erkauft. Die bösen Zungen, die das schon seit geraumer Zeit aussprechen, werden durch das neue Anschauungsbeispiel bestätigt. Denn was ist denn das für ein Umgang mit einem Jugendlichen, der einmal einen Fehltritt begeht, noch dazu versehentlich? Dieser Mensch bewies sogar noch die Courage, sich zu stellen und die Verantwortung für den Fauxpas zu übernehmen. Und der Kontrollwahn der Idioten in Frankfurt kennt als einzigen Umgang damit den Beißreflex. In scheinbar vorinstallierten Verfahrensabläufen werden über den Einzelfall hinweg Automatismen in Gang gesetzt und herangezogen, nur um zu dem bezweckten Ziel der maximalen Abschreckung zu gelangen. Erbärmlich.
Da wird scheinbar alles rund um den Vorfall selbst ausradiert und in das Schema „Gewalt im Stadion“ gepresst. Sachen aufs Spielfeld werfen tut man doch auch nicht. Und da St. Pauli obendrein „Wiederholungstäter“ ist, muss ja nun auch eine höhere bzw. drastischere Strafe her als vormals. Vollkommen unabhängig davon, dass das Spiel nicht gefährdet war, der Spieler nicht verletzt wurde, sich bei ihm entschuldigt wurde und es sich um ein Versehen gehandelt hat.

Umso unverständlicher ist der Strafantrag, da er keinen nachvollziehbaren Kriterien entstammt. Außer die bereits angesprochene vorurteilsbehaftete Sichtweise im Hinblick auf Gewalt beim Fußball und die Abschreckung durch extrem hohe Geldsummen, die der einzelne im Leben nicht tragen kann. Ein Wurf mit einem Gegenstand auf einen Spieler oder Schiedsrichter in der dritten Liga ist vermutlich unterm Strich um einiges billiger als einer beim Livespiel des DFB-Pokals oder des Ligatopspiels, selbst wenn es bereits der dritte gewesen sein sollte. So oder so erfährt man das alles aber erst im Nachhinein, denn eine Richtlinie, die aufzeigt, welche Sanktionen wann drohen, gibt es nicht. Nicht einmal herleiten lässt sich ein Kriterienkatalog, denn die Begründungen sind dürftig und gleichen im Ergebnis wie ein Ei dem anderen. Kein Zufall, nehme ich an, da es nicht um eine adäquate Reaktion auf (als solches definiertes) Fehlverhalten geht. Vielmehr soll eine permanente Bedrohung in finanzieller Hinsicht über dem einzelnen Stadionbesucher schweben, so dass dieser bereits im Vorfeld jedweden Handelns sein Verhalten danach ausrichtet. Dass dieser erstrebte Zweck die Mittel heiligen soll, ist nicht nur bedenklich, sondern gefährlich. Denn die Mechanismen seitens des DFB sind ihrerseits offensichtlich völlig außer Kontrolle geraten. Anders ist es nicht zu erklären, dass versucht wird, den sauberen, familienfreundlichen Fußball sowie einen sicheren und unbeschwerten Stadionbesuch durch das bewusste und gezielte Ruinieren der Existenz einzelner zu erreichen. Umso schlimmer, wenn es sich um einen Jugendlichen handelt, dessen gesamte Zukunft hierdurch zerstört werden kann. In diesem Sinne: „Ich verachte euch zutiefst.“
Nur gut, dass sich unser Verein bislang aufgeschlossen und vor allem fair gezeigt hat, diese Machtspielchen nicht eins zu eins mitmacht und auch nicht ohne weiteres über sich ergehen lässt. Hoffentlich bleibt das auch so, wenn das Urteil gesprochen ist, egal wie es letztendlich ausfällt.

G-Hot