Archiv: Basch #9 – Kill the bill & Protest im Parlament

Kill the bill
Man stelle sich vor: Fans, die laut und bunt, mit Choreos, Bannern und Gesängen ihr Team unterstützen wollen, das aber auf Sitzplätzen machen müssen. Die bei jedem Spiel 90 Minuten Polizisten direkt vor und neben dem Block stehen haben und aus nächster Nähe gefilmt werden. Polizisten, die zusätzlich noch Videokameras am Revers haben. Politische, vermeintlich beleidigende oder anstößige Aussagen – verboten und oft verfolgt mit Stadionverboten bis hin zur Anordnung von Untersuchungshaft selbst für Minderjährige. Die Presse äußert nicht nur keine Kritik, sondern heizt die Stimmung noch weiter an.
Klingt unrealistisch? Wie ein Albtraum? Ist aber zum Alltag in der schottischen Liga geworden und besonders heftig bei Glasgow Celtic zu beobachten. Betroffen ist hier v.a. der stark support-orientierte Block der Green Brigade, den Ultras bei Celtic. In den vergangenen 5 Jahren hat es diese Gruppe fast aus dem Nichts geschafft, die doch sehr erlahmte Stimmung im „Paradise“ neu zu beleben und mit neuen Songs und Formen der Unterstützung weiterzuentwickeln – einiges wurde dann sogar vom Verein kommerziell verwertet (oder sollte man sagen ausgebeutet?). Zudem wurde ein eigener, 400 Fans fassender Block erkämpft, in dem sich die Green Brigade um die Ticketverteilung kümmert. Für die nächste Saison könnte es geschafft werden, dass in diesem Bereich ein Modellversuch mit Stehplätzen („Safe Standing“) durchgeführt wird, was sowohl die Stimmung verbessern, als auch die Spannungen mit Ordnern und Polizei verringern könnte. Die Gruppe vertritt auch politische Positionen, kämpft aktiv gegen Rassismus und ist Mitglied im Alerta Network.
Fußball in Schottland leidet schon länger unter starken repressiven Maßnahmen. Reine Sitzplatzstadien, sehr strikte Kontrollen durch Ordner und Polizei, harte Strafen wie lebenslängliche Stadionverbote ohne Anhörung für Lappalien (z. B. Irland Fahne mit Schriftzug „IRA“) machen den Supportern schon seit den 90ern das Leben schwer. Dazu kommen ungenaue Gesetze zu einer Art „Landfriedensbruch“ und Regularien zu „Gesundheit und Sicherheit“ im Stadion, auf die sich Ordner und Polizei bei Festnahmen oder Stadionverboten fast willkürlich berufen können. Selbst „Hüpfen in seitlicher Richtung“ wird als gefährlicher, zu ahndender Verstoß gegen die Sicherheitsrichtlinien angesehen.

In diesem Jahr hat die Politik das Thema „Gewalt und Fußball“ noch stärker für sich entdeckt und es steht ein Gesetz gegen „anstößiges Verhalten beim Fußball“ im Parlament zur Abstimmung. Das Gesetz ist extrem weich formuliert und gibt Polizei und Gerichten einen Ermessensspielraum, der die freie Meinungsäußerung und Entfaltung stark einschränkt, da vorerst überhaupt nicht klar ist, was verboten oder erlaubt ist. Zudem ist es ungeeignet, die wahren Probleme zu bekämpfen. Während die schottische Gesellschaft durchaus gravierende Probleme mit Gewalt und Rassismus hat, ist es in den Stadien extrem friedlich.
Die Green Brigade und andere besonders aktive Fans, die sich auch öffentlich gegen den gesellschaftlichen Mainstream stellen und ihre Eigenständigkeit betonen, geraten da besonders in den Fokus. Es geht offensichtlich mehr um Fragen der Kontrolle und Anpassung als um die Lösung ernsthafter Probleme. Um die Notwendigkeit des Gesetzesvorhabens zu begründen, wurde insbesondere seit Beginn der neuen Saison deutlich strenger überwacht und in provozierender Weise eingegriffen. Unter anderem versuchte die Polizei aufgrund eines Songs, in dem die Zeile „Up the IRA“ vorkommt, den Block zu stürmen. Ein 17jähriger wurde später als einer der Sänger identifiziert, im Haus seiner Eltern festgenommen und eine Freilassung auf Kaution verweigert. Offensichtlich aus Angst vor negativer Presse kam er wenige Tage später dann trotzdem frei; aber dieses Beispiel zeigt deutlich, unter welchem Druck Fans in Schottland aktuell stehen. Ein anderes Beispiel ist ein Fan der Glasgow Rangers, der für – in der Tat geschmacklose und hasserfüllte, aber letztlich rein virtuelle – Äußerungen und Aufrufe zur Gewalt auf Facebook zu mehreren Monaten Haft verurteilt wurde.

Um der zunehmenden Kriminalisierung von Fußballfans entgegenzuwirken, gründeten verschiedene Celtic-Fanorganisationen und die Green Brigade die Initiative „Fans Against Criminalisation“ (FAC). Diese betreibt Informationsveranstaltungen und Lobbyarbeit gegen das neue Gesetz und die strengere Vorgehensweise der letzten Zeit. Außerdem ist ein Soli-Konto für die rechtliche Unterstützung von betroffenen Celtic-Fans entstanden. Auch bei anderen Vereinen wurden Aktivitäten gestartet, u.a. bei Rangers und Hearts, allerdings ist die FAC bisher mit deutlichem Abstand am aktivsten.
In den letzten zwei Wochen hat sich die Situation vorerst etwas entspannt. Nach Gesprächen von Fanorganisationen mit der Polizei wurden die Beamten aus den entsprechenden Stadionbereichen zurückgezogen, natürlich ohne negative Folgen, im Gegenteil: Die Atmosphäre wurde von den Fans als deutlich entspannter beurteilt. Inwieweit dieser Rückzug allerdings nur aus taktischen Gründen erfolgte, um eine weitere Eskalation vor Verabschiedung des Gesetzes zu vermeiden, bleibt vorerst offen.
Zum Glück sind wir in Deutschland absolut gesehen noch recht weit von derartigen Zuständen entfernt. Aber auch hier gibt es ähnliche Tendenzen, wird immer hysterischer auf vermeintlich gefährliche Zustände beim Fußball reagiert, obwohl die relevanten Fallzahlen extrem gering und deutlich niedriger als bei anderen Massenveranstaltungen sind. Daher sollte uns Schottland ein warnendes Beispiel sein.
Astro

Protest im Parlament

20 Mitglieder von FAC (Fans Against Criminalisation) besuchten am letzten Mittwoch das schottische Parlament, an dem Tag, an dem die Parlamentarier über die „Anti Football Bill“ abstimmen sollten. Wir betraten das Gebäude und hatten eine Diskussion mit einigen Abgeordneten der Regierungspartei SNP (Scottish Nationalist Party) über das zur Abstimmung stehende Gesetz. Sie hatten wirklich keinerlei Antworten auf unsere drängenden Fragen und mussten plötzlich ziemlich eilig los.
Wir streiften dann unsere T-Shirts über mit den Slogans „Fans – not criminals“ (Front) und „SNP – shame on you“ (Back) und wollten uns auf die Besuchertribüne begeben um die Debatte im Plenarsaal zu verfolgen.
Der Zugang wurde uns aufgrund unserer Shirts verweigert, so dass wir uns entschlossen den Versammlungsraum zu besetzen, in dem wir uns befanden. Nun riefen wir die Pressevertreter dazu um ihnen mitzuteilen, das wir von der Debatte ausgeschlossen wurden und um ihnen unsere Positionen nahezubringen.

Leider wurde das Gesetz verabschiedet (Die SNP-Regierung nutzte ihre Mehrheit), aber die Geschichte der verbannten Fans kam auf alle Titelseiten und brachte die Leute dazu die Unrechtmäßigkeit des Gesetzes zu hinterfragen. So hatte auch dieser an sich traurige Tag seine gute Seite und hoffentlich können wir darauf aufbauen und in der Zukunft die SNP-Regierung für ihre Attacken auf die schottischen Fussballfans zur Rechenschaft ziehen.
FANS AGAINST CRIMINALISATION


1 Antwort auf „Archiv: Basch #9 – Kill the bill & Protest im Parlament“


  1. 1 Kein großer Wurf gegen die Eintracht aus Frankfurt, aber 3 Punkte für den #FCSP « KleinerTods FC St. Pauli Blog Pingback am 21. Dezember 2011 um 0:28 Uhr
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