Archiv: Basch #7 – Interview Zomia

bauwagensplatz zomia

Fünf Wagenplätze gibt es in Hamburg, die meisten von ihnen befinden sich im Status der Duldung oder haben Verträge, welche den Zeitraum dieser Duldung auf mehrere Jahre festlegen. In Wilhelmsburg hat sich seit einem knappen Jahr ein weiterer Platz etabliert, doch wenn es nach dem Willen von Markus Schreiber geht, Amtsleiter im Bezirk Mitte und zuletzt durch den „Anti-Obdachlosen Zaun“ unter der Kersten-Miles-Brücke in die Kritik geraten, soll der neue Wagenplatz „Zomia“ bis Ende November geräumt sein. Markus Schreiber war schon einmal an der Räumung eines Wagenplatzes beteiligt. Damals am 4.11.2002 vor ziemlich genau neun Jahren ließ Schreiber „Bambule“ räumen. Ab dem 04.11.2011 hat Zomia einen gültigen Räumungsbescheid und muss dann mit einer zeitnahen Vollstreckung rechnen. Grund genug, sich einmal mit den Bewohnerinnen zu treffen und ins Gespräch zu kommen. Getroffen haben wir uns dann schließlich mit Kai.



Moin Kai! Ehrlich gesagt gehen wir relativ unvorbereitet in dieses Interview. Erzähl uns doch bitte, um wen es sich bei „Zomia“ handelt und was ihr so macht.



Wir sind auf dem Wagenplatz Zomia. Dabei handelt es sich um einen Wagenplatz, auf dem eine Gruppe von knapp 15 Menschen lebt. Wir machen sehr unterschiedliche Dinge, das Spektrum ist relativ breit. Es handelt sich eben um eine Gruppe von Leuten mit sehr unterschiedlichen Interessen, jedoch mit dem gemeinsamen Ziel, einen neuen Wagenplatz in Hamburg zu etablieren.



Euch gibt es hier in Wilhelmsburg seit knapp einem Jahr. Habt ihr davor schon auf anderen Plätzen zusammen gelebt?



Nein. Die Situation in Hamburg stellt sich seit den Wagenplatzräumungen in den 2000ern folgendermaßen dar: Es gibt deutlich mehr Menschen, die in Wagen leben wollen, als es Plätze gibt, welche dieses ermöglichen. Deswegen hat sich die Gruppe, die nun hier den Platz gegründet hat, aus verstreuten, vereinzelt lebenden Menschen zusammen gefunden, welche vorher zum Beispiel in Lastwagen an 
Straßenrändern, am Stadtrand oder in Hinterhöfen gelebt haben. Der gemeinsame Wunsch, in einem Kollektiv, als Gruppe zusammenzuleben und nicht irgendwo vereinzelt, führte uns dann zusammen. Folglich waren wir vorher also keine verschworene oder geschlossene Gemeinschaft, welche von einem anderen Ort bereits gemeinsam nach Wilhelmsburg gezogen ist. Einige sind relativ neu in Hamburg, einige sind schon ihr Leben lang hier. Ein Mensch ist gerade in einen Wagen eingezogen, eine andere wohnt seit 15 Jahren auf diese Weise.



Erzähl uns bitte ein bisschen was Allgemeines zu dem Leben auf Wagenplätzen und wie es bei euch im Speziellen ist.



Wir sind letztendlich als eine große WG und als eine politische Gruppe organisiert. Das kann man sich so vorstellen, dass es jetzt in der Zeit, wo es politisch sehr brisant ist, viele Absprachen und Entscheidungen in der Gruppe gibt. Gleichzeitig sitzen wir aber auch abends zusammen und gehen gemeinsam auf Konzerte. Im Endeffekt ein WG-Zusammenleben, in dem dann aber jeder noch ein eigenes kleines Zuhause hat. Und jede Person hat auch ihren eigenen Grund, warum sie im Wagen lebt. Vielleicht das Gefühl, von ein bisschen mehr Unabhängigkeit oder Selbstbestimmung, vielleicht die Möglichkeit, mehr zu bauen und zu dengeln, vielleicht dieses „mein Wohnzimmer ist dann gleich draußen“… Es existiert natürlich die politische Gruppe, mit einer klaren Forderung, welche es durchzusetzen gilt. Hilfreich ist dabei die generell gute und verlässliche Vernetzung der bestehenden Wagenplätze, nicht nur in Hamburg. Direkt hier um unseren Platz herum gibt es eher wenig Nachbarn, die Fläche selbst ist ja umgeben von Wald und Industrie. Das generelle Verhältnis zu den vorhandenen Nachbarn im Reiherstieg lässt sich dann aber als positiv beschreiben, die Kontakte intensivieren sich stetig. „Der Rest“ koexistiert mit uns in einem Verhältnis von „sympathischem Desinteresse“. Die durchaus vorhandenen Anfeindungen sind dann auch eher Randerscheinungen und als solche klar dem rechten Spektrum zuzuordnenden. Darüber hinaus fand das zumeist lediglich im Internet statt; einer realen Bedrohung fühlten wir uns an diesem Platz nicht ausgesetzt.



Und wie müssen wir uns das alltägliche Leben auf einem Wagenplatz vorstellen?



Letztendlich finde ich, dass sich das Leben hier vom Wohnungsleben unterscheidet, doch eigentlich sind wir auch ganz normale Menschen. Wir haben Strom (durch Solarenergie) und einen Internetzugang. “Normale“ Leitungen könnten auch gelegt werden: muss halt die Räumungsanordnung mal weg… Wir kochen mit Gas und holen uns eben Wasser zum Platz. Wir hängen manchmal zusammen im „Wohnzimmer“ ab, prökeln an irgendwelchen Fahrrädern oder den ewigen Stellen an den Wägen, manchmal gehen wir in die Schule oder zu einer Arbeit oder so, manchmal auch nicht. Jede tüdelt so mit ihren Projektchen rum, auf dem Platz und außerhalb. Gerade nimmt das Platzpolitische einen gigantomatischen Raum ein.



Wie viele Wagenplätze gibt es denn in Hamburg momentan und wie ist deren Situation?

Es gibt insgesamt sechs Wagenplätze, inklusive diesem hier. Die meisten Plätze haben eine vertragliche Regelung mit der Stadt gefunden. Zwei Plätze haben gerade im Oktober eine Verlängerung für ihren Status bekommen. In anderen Bezirken scheint es nicht die gleiche Einstellung zu Wagenplätzen zu geben wie im Bezirk Mitte, dem Reich von Markus Schreiber.



Es ist also eine sehr individuelle Entscheidung, wo ein Wagenplatz möglich ist und wo scheinbar nicht. Gibt es dafür eine rechtliche Grundlage?

Die Zustimmung zu einem Wagenplatz liegt in Hamburg im Ermessen des Bezirks: Er kann, aber er muss nicht, wenn er nicht will. Es gibt in Hamburg ein bescheuertes Gesetz, basierend auf einer Naziideologie aus den 50er Jahren. Ziel war damals die Vertreibung der Sinti und Roma vom Heiligengeistfeld. Das sogenannte „Hamburger Wohnwagengesetz“. Dieses Gesetz existiert nach wie vor; auch wenn es 1999 geändert wurde, ist die Situation gleich bleibend beschissen. Allerdings ist es eben trotz dieser Gesetzeslage möglich, Wagenplätze für fünf Jahre einzurichten und genau dieses haben andere Bezirke eben auch gemacht und machen es auch jetzt gerade. Markus Schreiber hat aber den Bezirk-Mitte zur bauwagenfreien Zone erklärt; er hätte persönlich was gegen diese Lebensform und im übrigen: Bambule hat er ja auch schon geräumt.



Eure Zukunft sieht zumindest hier in Wilhelmsburg nicht gerade rosig aus, immerhin habt ihr einen Räumungsbescheid, der ab dem 4.11.2011 um 00.01 Uhr vollstreckt werden kann. Und überhaupt: Ist das nicht der Jahrestag der Bambule-Räumung?



Das ist richtig. Am 4. November 2002 wurde der Wagenplatz Bambule geräumt. Ein Ereignis, welches sicherlich vielen noch in Erinnerung ist als ein weiterer Höhepunkt völlig irrsinniger und verfehlter Stadtpolitik. Damals unter von Beust & Schill (Senat), aber auch bereits unter Markus Schreiber (Bezirk Mitte), der auch heute keine Wagenplätze in seinem Bezirk dulden will. Aus dem Grund heraus ist es auch für uns gerade nicht „rosig“. Wir haben von dem Bezirk Mitte, getrieben von Markus Schreiber, einen Räumungsbescheid zugestellt bekommen, welcher
 dann auch ab dem 4.11 umgesetzt werden kann. Wir wehren uns natürlich dagegen, aber das haben wir auch schon das ganze letzte Jahr über. All das selbstverständlich mit dem Ziel, dass dieses Projekt an diesem Ort akzeptiert wird und dieses auch mit einer längeren Perspektive. Grade jetzt sieht es aber so aus, als ob der Bezirk Mitte es nach wie vor nicht verstanden hätte, dass eine Räumung keine Probleme löst, sondern Probleme schafft.



In Anbetracht dieser Situation: Wie bereitet ihr euch auf die anstehende Räumung vor, in welchen Spektren mobilisiert ihr? Der Kampf um Freiräume oder um bezahlbare Unterkünfte ist ja ein topaktuelles Thema.



Im Moment ist die Lage natürlich so, dass durch den Räumungsbescheid kurzfristig sehr viele Dinge passieren. Wir rufen auf zu einer Demonstration am 5.11. Um 15 Uhr geht es am Millerntorplatz (Budapester Straße) los. Diese Demonstration soll ein Zeichen setzen für Wagenplätze, für eine tolerante Stadt, für Freiräume in der Stadt und gegen eine repressive „Law and Order“- Politik durch den Bezirk Mitte. Gleichzeitig machen wir noch ganz schön viel anderes, um die Räumung zu verhindern. Da Zomia nur ein Ziel in einer langen Spur von Vertreibung und Verwüstung im Bezirk Mitte und in Hamburg ist, gibt es schon lange die Notwendigkeit, diese Politik zu ändern. Tausende sind gegen den blöden Zaun oder gegen den Mietenwahnsinn auf die Straße gegangen. Ich wünsche mir aktuell, dass Markus Schreiber sich an allen Themen verschluckt. Dass Menschen für Wagenplätze Position beziehen, aber auch gegen Vertreibung von unerwünschten Leuten aus der Stadt – ob durch Räumungen, Mietensteigerungen, gezielte Umstukturierungen oder stumpfe Verbote und Kontrolle.
Es gibt viel Kraft, dass wir momentan viel Solidarität und Unterstützung erhalten. Wir wünschen uns, dass das so weiter geht und alle Brandherde Unterstützung bekommen; wenn Menschen an vielen verschiedenen Punkten sagen: Hier reicht es uns mit der beschissenen Stadtpolitik!


Gibt es „Räumungserfahrungen“? Und wie sieht so eine Räumung konkret aus?

Eine Räumung wird zu einem unbekannten Datum zu einer unbekannten Uhrzeit passieren, bevorzugt elend früh. Es werden Polizeikräfte hier im Viertel aufgefahren und damit begonnen, jeglichen Widerstand gegen die Räumung zu ersticken. Das Ganze kann sehr lange dauern. Als letzter Schritt wird dann ein von der Polizei beauftragtes Abschleppunternehmen unsere Wagen mit Tiefladern und Zugmaschinen abschleppen. Die abgeschleppten Wagen werden dann auf einen Bauhof gebracht und dort konfisziert.
Die Stadt kann sich das Recht nehmen, uns die Wagen so lange wegzunehmen, bis wir ihr einen Platz nennen, wo wir die Wagen wieder abstellen dürfen. Sollte die Stadt mit den neuen Abstellplätzen nicht zufrieden sein, behält sie die Wagen bis auf weiteres. Für uns gibt es keine wirkliche Alternative, die zwei Angebote der Stadt waren Scheinangebote, um eine Räumung zu legitimieren; auf den beiden Flächen an echt krassen Standorten wäre ein Wagenplatz gar nicht möglich.
Unsere Vorschläge für Alternativplätze im ganzen Bezirk Mitte wurden nicht in Erwägung gezogen, die anderen mit fadenscheinigen Begründungen abgelehnt. Alles in allem ist es eine katastrophale Situation. Eine Räumung schafft wesentlich mehr Probleme als sie zu lösen vorgibt. Dabei wäre es doch so einfach.

markus schreiber am strick

Welche Rolle spielt Markus Schreiber, welche Personen befürworten eine schnelle Räumung, und welche setzen sich in der Politik für Zomia ein?

In meinen Augen ist Markus Schreiber der Sheriff vom Bezirk-Mitte, als der er sich ja auch selber sieht. Er benutzt sein Amt, um seine persönliche Haltung gegen Bauwagenplätze durchzusetzen. Schreiber hat, seitdem wir hier vor einem Jahr aufgetreten sind, über jedes Pressmikrofon vermittelt, dass er unsere Wohnform nicht akzeptiert, nicht toleriert, nicht duldet und er alles daran setzen wird, uns hier zu vertreiben. Er ist also die maßgeblich treibende Kraft in den Räumungsbemühungen. Gleichzeitig sehen wir die Schwäche oder den fehlenden Willen der SPD-Fraktion, diese Politik zu stoppen. Sie akzeptiert sie eher oder legalisiert sie auch noch mit Bezirksversammlungsbeschlüssen.
Die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt findet unsere Fläche hinter vorgehaltener Hand gut und rechtlich möglich. Öffentlich schweigt der Wald. Wir fragen uns schon lange, warum dieser Mensch scheinbar so eine Macht hat. Warum Senator_innen am Schwimmen sind, aber Markus Schreiber weiter seinen absurden Feldzug machen lassen.

Zurück zu möglichen Räumungsszenarien- hattet ihr in der Vergangenheit Besuch von Polizei oder Ordnungsamt? Wissen die, was sie hier im Falle einer Räumung erwartet?

Dadurch, dass dieser Platz hier frei zugänglich ist und es keinen Zaun mit Tor für einen Eingangsbereich gibt und man sehr leicht über den Platz gehen kann, gehen wir sehr davon aus, dass entsprechende Stellen Bescheid wissen, wie es hier aussieht. Vor zwei Wochen kamen auch Mitarbeiter vom Bezirksamt und haben Fotos gemacht und die Lage dokumentiert. Außerdem gehen wir davon aus, dass der Staatsschutz mindestens einmal bei uns auf dem Platz war. In Wilhelmsburg gab es verschiedene Anquatschversuche sowohl vom Staats- als auch vom Verfassungsschutz. Ansonsten bekommen wir regelmäßig Besuch von Streifenpolizisten, die einige Zeit am Wegesrand stehen bleiben und dann wieder abhauen.
Wir haben also dahingehend keine großen Illusionen, dass über den Platz noch Geheimnisse bestehen- selbst unser Klo wurde ausgiebig dokumentiert.

Ist Wilhelmsburg für euch der perfekte Standort für einen Wagenplatz, oder war es damals ein Kompromiss, diesen Platz hier in Anspruch zu nehmen?

Viele von uns sind in Wilhelmsburg verwurzelt durch die eigenen persönlichen Lebenswege und Geschichten. Sei es, dass sie als LKW-Bewohner schon lange hier am Straßenrand gestanden haben oder sonst ihren Lebensmittelpunkt hier in Wilhelmsburg haben. Deswegen war es für uns eine sehr bewusste Entscheidung, in Wilhelmsburg nach einer freien Fläche zu suchen. Es ist uns bewusst, dass in Wilhelmsburg ein Umstukturierungsprozess stattfindet, in dem es manchmal nicht einfach ist, für einen Wagenplatz, Hausprojekte oder Studis den eigenen Standpunkt zu reflektieren, kritisch zu betrachten und dann letztendlich nicht bei einer Nabelschau und der Kritik an den einzelnen hier lebenden Menschen zu landen, sondern sich über strukturelle Prozesse Gedanken zu machen und zu überlegen, was sinnvolle Ansatzpunkte wären.
Der Platz hier am Kanal war für mich persönlich meine liebste Lösung; versteckt, ohne direkte Nachbarn, gleich am Kanal, keine Nutzungsplanung, nette Leute kommen vorbei, bisschen Grün.

Was passiert im Fall einer Räumung?

Wir glauben nicht daran, dass in der Absurdität der Lage die Stadt Hamburg einen Wagenplatz, den mensch auch einfach ohne weiteres mal so lassen könnte, gewaltsam räumen lassen wird. Die repressive Keule ist keine Lösung für den Bedarf von Menschen in Hamburg, im Wagen zu leben. Trotzdem wird eine Räumung uns nicht unvorbereitet treffen.
Wir freuen uns jetzt und am Tag X und danach über die Zeichen der Solidarität und der Unterstützung, die dem Wagenplatz als Teil der Vertreibungspolitik entgegengebracht wird.

Am Tag X rufen wir auf zu einer Demonstration, Ort und Zeit werden bekannt gegeben.

Weitere Infos gibt es auf der Seite von Zomia