Archiv: Basch #7 – Herzlich Willkommen im Club der Verbrecher

München: 80 Personen in Gewahrsam nach dem Derby Bayern vs. FCN. Stuttgart: Bus-Überfall auf Anhänger des BVB. Werne: Erneute Auseinandersetzungen zwischen Anhängern des BVB und Fans von Werder Bremen. Magdeburg: Kapitän des FCM vor dem Derby gegen Halle in seiner Wohnung bedroht. Frankfurt: Resultat des Pokalspiels gegen Kaiserslautern – 8 verletzte Bullen, 9 Festnahmen. Dortmund: Stein des Anstoßes. Anhänger von Dynamo Dresden versuchen, den Eingang zum Gästeblock zu stürmen, zünden Pyrotechnik und Böller und liefern sich im und außerhalb des Stadions Auseinandersetzungen mit der Polizei.
Ein Ereignis-Ticker, der 10 Tage umfasst. Innerhalb dieser 10 Tage wurde und wird der vermeintlichen und faktischen Gewalt in und um Fußballstadien eine mediale Öffentlichkeit geschenkt, die jeglichen Rahmen sprengt. Es kommt daher wie eine Diskussion, eine Debatte, die zum Wohle aller geführt wird. Tatsächlich werden jedoch an keiner Stelle der Debatte unterschiedliche Positionen ausgetauscht oder gar über unterschiedliche Ansichten diskutiert. Stattdessen darf jeder Bundesliga-Funktionär, Trainer, Spieler, Fanforscher und der Typ, der einen kennt, der auch mal ins Stadion geht, seinen Senf zu Fankultur, Pyrotechnik und Gewalt ablassen. Das eben jene drei Aspekte, die nur bedingt zusammenhängen, in einen Topf geschmissen werden, ist dabei nicht neu. Am Ende stehen dann immer die Forderungen nach mehr Polizei, mehr Überwachung und härteren Strafen. Alles schon tausendmal gehört. Und doch resultieren aus der jetzigen Debatte drei Neuerungen, die sich auf unser zukünftiges Fandasein massiv auswirken können.

1. Die Medien
Formulierungen wie „Sogenannte Fans“, „Pyro = Gewalt“ und „Leute, die sich für Fußball nicht interessieren und den Sport als Bühne missbrauchen“ gibt es seit Jahrzehnten und sind so austauschbar wie die Fressen, die sie von sich geben. Neben dem üblichen Hau-Drauf-Journalismus seitens des Springerclans (Bild, Abendblatt, Welt), der sich nicht zu blöde ist, Stehplatz-freie Kurven wie in England und lebenslange Stadionverbote zu fordern, gab es auch interessante Zwischentöne. Nicole Selmer setzte sich auf publikative.org (ehemals npd-blog.de) als Erste kritisch mit den Methoden des ZDF während des Pokalspiels zwischen dem BVB und Dynamo Dresden auseinander. Keiner der Verantwortlichen von Dynamo durfte dort das Interview beenden, ohne nicht mindestens einmal gesagt zu haben, was doch für gehirnlose Tiere im Gästeblock stünden, die das Ansehen der Stadt Dresden in den Schmutz ziehen würden. Und die kritischen Töne mehrten sich. Mike Glindmeier auf der Spiegel-Homepage sowie Daniel Raecke auf sportal.de versuchten, das gespannte Verhältnis zwischen DFB, Polizei und Fans zu erläutern. Doch ihre Texte haben im Gegensatz zu den mannigfach verbreiteten Lügen und Verleumdungen über verschiedenste Fanszenen nicht die nötige Reichweite. Seien wir mal ehrlich: Ihre Texte kommen derzeit daher wie das Rufen im Wald der Ahnungslosen. Es kommt nicht von ungefähr, dass aktive Fanszenen den Dialog mit Medienvertretern scheuen, da deren Berichterstattung tendenziös ist und auf Quote basiert. Und was glaubt ihr verkauft sich besser, wird mehr gelesen oder verschafft eine höhere Auflage? Eine differenzierte Story über die Komplexität von Fankurven mit all ihren Widersprüchlichkeiten oder rotes Licht, weißer Rauch und fliegende Fäuste? Ich erwarte ehrlich gesagt nicht, dass sich die deutsche Medienlandschaft grundlegend ändert. Ich erhoffe mir jedoch, dass kritische Artikel eine breitere Leserschaft erreichen und nicht weiterhin als „verharmlosend“ gebrandmarkt werden.
2. DFB/Funktionäre/Vereine
Heribert Bruchhagen würde den Ultras von Eintracht Frankfurt die Dauerkarten entziehen. Martin Kind möchte am liebsten den Verein Hannover 96 an Investoren veräußern und damit die 50+1-Regel kippen. Nebenbei hat auch er nichts dagegen, kritische Fans für harmlose Belange aus dem Stadion zu sperren. Durchsetzen lässt er dies mittlerweile von einem staatlichen Knüppelkommando, das auf Verdacht eine Heimkurve stürmt auf der Suche nach Pyrotechnik. Der Verein Dynamo Dresden verzichtet im vorauseilenden Gehorsam auf die Gästekarten am Millerntor und sperrt damit seine eigenen Anhänger aus. Diese Option halten sich die Verantwortlichen der SGD ebenfalls für das Auswärtsspiel in Rostock offen. Geht es hier eigentlich noch um Verhältnismäßigkeit? In hitzigen Debatten wird von verschiedenen, offiziellen Gremien und Vertretern versucht, durch blanken Aktionismus eine „noch nie dagewesene Form der Gewalt“ einzudämmen. Das ist übrigens vollkommener Quatsch. Die Zahlen, was gewalttätige Auseinandersetzungen bei Fußballspielen betrifft, sind seit zwei Jahren stark rückläufig. Würden Polizisten nicht bei diversen Spielen Anhänger provozieren, um ihren Einsatz zu legitimieren und die nötige Quote zu erfüllen, wären die Zahlen noch geringer. Das zweite, sehr beliebte Schein-Argument der Rentner-Eloge des DFB ist der Vorwurf: „Diese Leute sind gar nicht am Fußball interessiert und nutzen ihn für ihre Interessen aus.“ Wenn ich diesen Satz höre, muss ich immer lachen, denn eigentlich könnte genau jener unter dem Wappen des DFB stehen. Eine Art Selbstbeschreibung, ein Zusatz und eine Zusammenfassung der letzten 40 Jahre Sportpolitik in Deutschland. Dem DFB sowie der DFL geht es innerhalb des Bundesligabetriebes ebenfalls nur um ihre eigenen Interessen, die sich konträr zu aktiver Fankultur verhalten. Seit den 1990ern wurden weltweite Märkte für das „Premium-Produkt“ Bundesliga erschlossen, Hellmich-Parkhäuser getarnt als Stadien aneinandergereiht und alles bekämpft, was subversiv, alternativ oder potentiell gefährlich ist. Umso lächerlicher, wenn sich dieser Clan noch anmaßt, dass Ultras oder andere Personen, die ihnen im Stadion nicht passen „keine Ahnung vom Fußball“ hätten bzw. keine „richtigen Fans“ seien. Wir können in den verschiedenen Logen, die gespickt sind mit Firmen und Funktionsträgern, ja mal ein paar Umfragen starten zu Themen wie Aufstellung, Saisonverlauf, Historie des Vereins etc. Auf das Ergebnis wäre ich mehr als gespannt.
3. Die Fans
Dass die Kampagne „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren“ gescheitert ist, hat sich nicht erst in Dortmund gezeigt, als Dynamo als eine der federführenden Fanszenen dieses Zusammenschlusses gegen die selbst auferlegten Regeln verstoßen hat und Bengalen und Blinker überall im Stadion entsorgte. Naiv war auch zu glauben, der DFB wäre an einem Dialog auf Augenhöhe interessiert und würde Pyrotechnik in deutschen Stadien legalisieren. Und dass erneut Dresdener in Dortmund aus ihren Herzen keine Mördergruben machten und „BVB-Jude, Jude, Jude“ sowie „Ihr seid nur Dönerverkäufer“ skandierten, sagt einiges über diese Drecksszene aus. Ein Selbstreinigungsprozess innerhalb der Szene von Dynamo wird wohl nötig sein, denn mit den vielfältigen, teilweise mehr als überflüssigen Gewaltexzessen der Vergangenheit liefern sie den hysterischen Hütern der staatlichen Ordnung nur noch mehr Futter. Auch der derzeit stattfindende innerdeutsche Wettbewerb zwischen verschiedenen Gruppen, wer denn nun die härteste Szene sei, ist wenig deeskalierend – Italien lässt grüßen. Die Deutsche Innenministerkonferenz beschäftigte sich bei ihrem letzten Treffen explizit mit Fußballfans und versuchte bereits dort, den Weg für eine noch härtere und umfassendere Gesetzgebung frei zu machen. Hinzu kommt das ständige Gequengel und Geflenne der deutschen Polizeigewerkschaft, die nicht müde wird zu betonen, dass Polizisten auch Menschen seien. Ansichtssache. Der Kampf gegen die repressiven Organe dieses Staates geht also in eine weitere Runde, die Bandagen werden nur fester angezogen. Der Kampf um freie, selbstgestaltete und verwaltete Kurven ist noch nicht gewonnen; im Moment wird es wohl darum gehen, sich die eroberten Spielräume nicht nehmen zu lassen. Die Bruchhagens, Kinds und Zwanzigers dieser Welt sind austauschbar mit neuen, aufgeblasenen Fressen, die vom Untergang des Abendlandes reden. Es liegt an uns, ihre Schein-Argumente ad absurdum zu führen, die mediale Hysterie ins Lächerliche zu ziehen und den Traum von freien Kurven weiter mit Leben zu füllen.
Enrico Champagner