Archiv: Basch #6 – Interview mit Alex Gunkel/AFM

Am 03.10.2011 war die Mitgliederversammlung der AFM und Du durftest als Vorsitzender der Abteilungsleitung deren Bericht vortragen. Im Vergleich zu letzten Jahren war das teilweise schon ganz schön starker Tobak, in den Zeitungen war später sogar von einem sich abzeichnenden Machtkampf die Rede. Was war da genau los?

Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich bereits im letzten Jahr auf einige Ungereimtheiten hingewiesen hatte. Das ist wohl in der Öffentlichkeit nur nicht so wahrgenommen worden.
Im Wesentlichen geht es um die Zusammenarbeit zwischen Präsidium, Geschäftsstelle und der AFM, die nach unserem Dafürhalten verbesserungswürdig ist. Im Gegensatz zum Littmann-Präsidium ist die Kommunikation zwar besser geworden, man spricht miteinander und hat auch ein gutes Gefühl bei den Gesprächen. Aber im Nachgang von solchen Gesprächen passiert dann wenig bis gar nichts oder im schlimmsten Fall das genaue Gegenteil. Ähnlich ist es mit der Geschäftsstelle. Man wird nicht ernst genommen. Die AFM wird eher als renitenter Fanclub betrachtet und auch die Bezeichnung „extern“ ist schon benutzt worden. Probleme gibt es bei ganz konkreten Sachen wie Arbeitskarten oder Schlüsseln, mit denen wir in unserer ehrenamtlichen Tätigkeit aufgehalten werden, da wir immer hinterher laufen müssen. Zeit, die bei anderen Dingen wie Mitgliederwerbung und Kampagnenarbeit dann fehlt.
Hauptpunkt, und das war neu dieses Jahr, ist die Problematik der A- und B-Junioren deren Hintergründe ja bekannt sein dürften. Bei einem Treffen mit der Finanzabteilung des FC S. Pauli und dem für diesen Bereich zuständigen Vizepräsidenten Tjark Woydt wurde der AFM ein Lösungsvorschlag unterbreitet, wonach die AFM auf die Förderung der A-Jugend komplett verzichten müsste. Das können wir nicht akzeptieren, da hiervon so gut wie alle Projekte betroffen wären, die wir in der Vergangenheit angeschoben haben: Etwa das Jugendtalenthaus, die sozialpädagogische Betreuung, das Ausbildungsprojekt, Leistungssport und Schule usw., in der Summe also ca. 70% der Jugendförderung seitens der AFM in Höhe von € 775.000. Damit sollten dann Schiedsrichtergelder und Platzwartgehälter etc. bezahlt werden.
Lediglich laufende Kosten zu übernehmen ist aber nicht der Anspruch der AFM. Wir wollen in nachhaltige Projekte investieren, die sich der Verein sonst nicht leisten könnte, und etwas Bleibendes schaffen. Auch sind wir gerade nicht der Finanzier von Fan- oder Mitgliederprojekten wie etwa der Supporters Club beim HSV. Und ein Modell à la „Wir sammeln das Geld ein, geben es Helmut Schulte und der verteilt es weiter“ kommt auch nicht Frage.
Bei allen Punkten geht es aber um grundsätzliche Dinge und nicht irgendwelche Pfründe. Machtkampf ist also der vollkommen falsche Ausdruck.

Der Vereinsführung scheint gar nicht bewusst zu sein, welche Bedeutung die AFM hat. Immerhin sorgt die AFM mit dafür, dass von der DFL gestellte Lizenzanforderungen für den Profibereich in Sachen Jugendförderung erfüllt werden. Ist das wirklich nur Blödheit oder Kalkül, um irgendwann die Profiabteilung aus dem Verein auszugliedern?

Ich glaube nicht, dass es Kalkül ist. Der unterbreitete Lösungsvorschlag, zu dem es auch einen Präsidiumsbeschluss gibt, beruht auf nackten Zahlen und sonst nichts. Weder wurde sich mit der Historie und dem Selbstverständnis der AFM auseinandergesetzt, noch andere Modelle ins Auge gefasst, um die zu zahlenden Steuern anderweitig einzusparen, z.B. durch die Gründung einer Stiftung. Es wurde nur geguckt wieviel das kostet und deswegen müssten wir das dann so und so machen. Das funktioniert aber nicht und so sollte nicht an ein Problem herangegangen werden. Obendrein ist das keine Art der Kommunikation.
Was die Ausgliederung angeht, so glaube ich persönlich nicht, dass es derzeit Absichten oder gar Pläne in die Richtung gibt. Die Vereinsführungen bei St. Pauli sind zwar bekannt dafür, sich blindlings in die Nesseln zu setzen. Aber bei dem Thema weiß wirklich jeder, dass es massiven Gegenwind geben würde.

Vorhin fiel in Bezug auf die AFM der Ausdruck „extern“. Klingt so, als ob Präsidium und Geschäftsleitung im Hinblick auf den Rest des Vereins ein Eigenleben führen. Woran liegt das Deiner Meinung nach?

Was die AFM betrifft gibt es im Wesentlichen zwei Punkte: Ignoranz und Unwissenheit.
In den letzten Jahren sind viele neue Mitarbeiter in die Geschäftsstelle gekommen, von denen die wenigsten wissen was „diese komische AFM“ überhaupt macht. Irgendwas im Jugendbereich und das wohl auch ganz gut. Näher damit beschäftigen kann oder will man sich dann aber nicht. Schließlich hat man ja seinen Bereich und dort genug und Besseres zu tun. Mit anderen Sachen als dem eigenen Aufgabenbereich wird sich leider weniger auseinandergesetzt. Außerdem “nervt“ die AFM. Sie macht viele eigene Sachen, lässt sich Dinge nicht einfach so gefallen oder verordnen und steht oftmals positiv in der Öffentlichkeit. Wird uns auf der Homepage des Vereins zu wenig Platz eingeräumt, machen wir halt unsere eigene. Auch haben wir uns die Möglichkeit bewahrt, an Dinge unkommerziell heranzugehen. Im Young Rebels-Magazin gibt es nur zwei Anzeigen, sowas kann man sich in anderen Bereichen des Vereins natürlich nicht leisten.
Es wird von einigen Seiten der Geschäftsstelle nicht gesehen, dass die Mitglieder in den Verein investieren und mit diesem Geld gute Sachen passieren. Es wird leider viel zu oft vergessen, dass nicht nur durch Vermarktung o.ä. Gelder für den Verein generiert werden, sondern eben auch durch die AFM und ihre Mitgliedsbeiträge – und das nun auch schon in Millionenhöhe.
In dieser Konstellation gehen Synergieeffekte verloren und es ist schade, dass man nicht zusammenkommt.

Vor allem nicht nachvollziehbar, dass die größte Abteilung beim FC St. Pauli als externer Fanclub wahrgenommen wird. Wenn die, im Gegensatz zu euch, hauptamtlichen Mitarbeiter der Geschäftsstelle sich schon nicht von selbst mit der AFM auseinandersetzen, könnte die Vereinsführung ja mal nachhelfen. Hast Du das Gefühl, da wird mal Einfluss auf die Angestellten genommen oder geistern die Leute auf der Geschäftsstelle scheinbar ohne jegliche Kontrolle und Direktive herum?

Eine Nachhilfestunde oder Einflussnahme durch das Präsidium habe ich bisher nicht feststellen können. Ich hatte aber letzte Woche ein konstruktives Gespräch mit Michael Meeske, bei dem es um den gegenseitigen Umgang und eben die viel beschworene Zusammenarbeit ging.
Ein Lösungsansatz wäre z.B., dass die AFM die gleiche Rolle erhält wie jeder andere Bereich der Geschäftsstelle auch, also mit der Pressestelle, der Vermarktung, der Service GmbH, Kartencenter etc gleichgestellt wird, etwa dadurch, dass die Abteilungsleitung der AFM an den Bereichsleitersitzungen der Geschäftsstelle teilnimmt und eine direkte Kommunikation auf Augenhöhe stattfindet. Hierfür muss aber erst einmal viel Vertrauen geschaffen werden.

Ein weiteres aktuelles Thema ist der mehr oder weniger fortschreitende Stadionbau. Zumindest was die Gegengerade anbetrifft ist die AFM über das Engagement bei Fanräume e.V. auch davon betroffen. Seid ihr zufrieden?

Fanräume ist ein gesonderter Punkt. Zum Thema Welle oder Basis gibt es bei der AFM kein geschlossenes Meinungsbild und das ist auch nicht nötig. Der ausschlaggebende Faktor werden die Kosten sein und was das angeht so haben wir zumindest noch keinen abgeschlossenen, fertigen und vorgestellten Entwurf gesehen, auch nicht bezüglich des Basiskonzepts. Über die Kosten weiß ja nicht einmal das Präsidium Bescheid, da ja ständig neu gerechnet wird. Erst wenn die harten Fakten endgültig stehen, insbesondere Kosten und Bauzeit, dann kann eine fundierte Entscheidung getroffen werden. Bislang kann da aber wenig Verlässliches gesagt werden.
Was Fanräume angeht, so handelt es sich ja eher um Detail in der Realisierung. Und diesbezüglich gibt es bei allen Varianten noch erheblichen Nachbesserungsbedarf. Immerhin ist Fanräume überhaupt vorgesehen, das ist schon einmal ganz gut.

Wie sieht die AFM die Problematik mit den Business-Seats, vor allem auf der Süd?

Die AFM als Abteilung steckt in diesem Thema nicht drin, das ist nicht ihre zweckmäßige Aufgabe. Ich persönlich habe mich jedoch mit einem leitenden Angestellten des Vereins über einen möglichen Rückbau der Business-Seats unterhalten. Denn den Wunsch gibt es bei Fans und Mitgliedern gleichermaßen und ich fände es gut, wenn über die Thematik offen gesprochen würde. Es wird allgemein als Problem empfunden und wahrgenommen, so dass es sinnvoll erscheint hierfür eine Lösung zu finden, mit der alle zufrieden sind. Für mich persönlich ist es klar, dass wir nicht innerhalb eines Jahres tausend Business-Seats zurückbauen können, wenn es gegenüber Banken entsprechende Verpflichtungen gibt. Ich bin ja kein Phantast. Aber das schließt eine mittel- und langfristige Lösung des Problems nicht aus. Und dass es ein Problem ist, sehe ich eindeutig so. Insbesondere für die Süd. Ich stehe im Block 1 und finde es traurig auf diese Kurve zu blicken. Unten ein kleiner Streifen mit Stehplätzen und darüber eine ganze Tribüne voller Stadionbesucher mit denen es überhaupt keine Interaktion gibt und diese auch nicht möglich ist. Dort passiert überhaupt nichts, weil die Leute daran kein Interesse haben. Und eine zweigeteilte Kurve ist für den Verein kein akzeptabler Zustand.


Noch einmal zurück zu euren Projekten. Welche Zukunftspläne, insbesondere für Brummerskamp und Kollaustraße gibt es?

Unsere Vision ist es, die Kollaustraße zum Trainingszentrum von Profimannschaft bis hinunter zur B-Jugend zu machen. Diese Vision würde hingegen nicht realisiert werden können, wenn wir die A-Jugend nicht mehr fördern dürfen, da unser Engagement an der Kollaustraße derzeit hierauf beruht. Wenn wir es denn machen dürfen, wird uns das noch eine ganze Zeit lang beschäftigen, schließlich hat die Investition eine Größe von € 1,2 Millionen. Dann gibt es Ideen, die noch lange nicht spruchreif sind, aber die einen weiteren Ausbau vorsehen und auf lange Sicht den Brummerskamp zu Gunsten eines gemeinsamen Trainingszentrums überflüssig machen würden. Das benachbarte Gelände kann z.B. nur landschaftlich genutzt werden, also z.B. für eine Schrebergartensiedlung…

…oder als Bauwagenplatz.

Sehr gute Idee. Aber dann heißt es am Ende noch St. Pauli vertreibt Bauwagen-Bewohner. Schöne Scheiße. Das wäre krass. Zum Glück alles Zukunftsmusik.

Wie sieht es mit einem Engagement im Bereich von Turnhallen im Stadtteil aus?

Persönlich ist es natürlich ein Anliegen von uns, schließlich ist die Frage von großer Bedeutung für den Stadtteil und den Verein. Innerhalb des Vereins, ist für diese Frage der Amateurvorstand verantwortlich und dort auch in guten Händen. Bodo ist sehr aktiv und engagiert. Die AFM wird sich da vorerst nicht einmischen.

Abschließend noch eine Frage im Hinblick auf die JHV im November: Wie ist Deine Prognose, kracht es bald richtig im Verein?

Insgesamt nehme ich viel Unmut bei den Mitgliedern wahr. Ob es auf der JHV hoch hergeht, hängt allerdings von den zur Abstimmung gestellten Anträgen ab. Wenn die Mitglieder in einer Vielzahl von Ihrem Antrags- und Stimmrecht Gebrauch machen und es dazu kommt, dass der Vereinsführung ins operative Geschäft „hineingepfuscht“ werden soll, dann wird es bestimmt hitzige Diskussionen geben. Wenn es einen Beschluss der Mitgliederversammlung im Sinne konkreter Aufträge oder Handlungsanweisungen ganz nach dem Geschmack der Fans des FC St. Pauli geben sollte, dann sind Präsidium und Geschäftsführung mit Sicherheit nicht komplett begeistert. Denn die Interessen der Fanszene sind zuletzt nicht immer berücksichtigt worden. Das konnte jeder durch den Jolly Rouge sehen. Ob es, wie ihr so schön gesagt habt, „kracht“ oder nicht, hängt also von den einzelnen Ereignissen und Anträgen ab.


1 Antwort auf „Archiv: Basch #6 – Interview mit Alex Gunkel/AFM“


  1. 1 Zu Gast in Berlin – #FCSP feiert bei und mit Union « KleinerTods FC St. Pauli Blog Pingback am 31. Oktober 2011 um 13:24 Uhr
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