Archiv: Basch #4 – Interview Felix Grimm

Interview aus der Basch #4 mit Felix Grimm, dem Regisseur von „Das ganze Stadion“.

Wie entstand die Idee zu dem Filmprojekt „Das ganze Stadion“?
Auf die Idee hat mich ein Studienfreund gebracht. Der wusste, dass ich zu Sankt Pauli gehe und befragte mich ein bisschen zu der Ultrà-Kultur. Naja, und dann entstanden sofort Bilder in unseren Köpfen und Themen, die man rund um die Fanszene beleuchten könnte. Zudem gab es im April 2008 so einen Wettbewerb von 3sat zum Thema Sicherheit und da fiel uns auf: Es gibt eigentlich nur zwei Personengruppen, die im Verdachtsprofil von Sicherheitsgruppen stehen – potentielle islamistische Terroristen und junge Männer, die in der Gruppe zum Fußball fahren. Er hatte aber dann auch andere Projekte laufen und ich wollte den Themenkomplex etwas ausweiten und mich nicht nur auf Ultras beziehen, sondern eben auf diese „andere Fanszene“. Ich hatte das selber vorher auch so gut wie nirgends gesehen: Fans während des Spiels als Hauptdarsteller eines Films. Die Frage war also, wie ich es schaffen kann, einen Film zu machen, der nur im Stadion spielt und von der Mimik der verschiedenen Protagonisten lebt. Und wer sind eigentlich die Protagonisten am Millerntor? Klar, der Verein, die aktive Fanszene, aber halt auch die Bullen und das Fernsehen. Tja, und Ende 2008 ging es dann los.

Gab es Probleme während der Produktion?
Am Anfang musste ich viel Überzeugungsarbeit leisten, denn verständlicherweise schreien nicht alle „Hurra, genau auf dich haben wir gewartet“, gerade was die aktive Fanszene betrifft. Damit verknüpft war natürlich die Frage, wer überhaupt Bock hat, im Stadion gefilmt zu werden und inwieweit das für verschiedene Gruppe tragbar ist. Wir haben während der Aufnahmen in den Bereichen entsprechend Zettel verteilt und die Umstehenden über das Projekt informiert, das lief dann alles reibungslos, bis auf ein paar Diskussionen, die alle okay waren. Was ein wirkliches Problem darstellte, war der riesige Haufen Material, den wir angehäuft haben. Da könntest du locker noch zehn andere Filme zusammen schneiden. Absurderweise schoss der FC in den zwei Spielen auch neun Tore, was für den Cutter noch einmal extra Arbeit bedeutete. Unterschätzt hatten wir die Rechtefrage bei den Fangesängen, die auf der Melodie von bekannten Popsongs basieren, da mussten wir aus Kostengründen um einzelne Stücke herum schnippeln.

Der Film entstand in einer brisanten Phase der FCSP-Historie: Aufstieg, Rostock-Blockade, Montagsspiel, 100-Jahre Jubiläum – welches Bild vermittelt er über den FC Sankt Pauli?
Mir war es wichtig als jemand, der seit 1988 zum FC geht, genau diesen Übergangsstatus, den Transformationsprozess des FCSP festzuhalten. Eine Kurve ist neu, eine im Bau und die anderen beiden sehen aus, wie man es kennt. Automatisch geht es auch darum, wie sich der FC Sankt Pauli dem modernen Fußball anpasst. Die später stattfindenden Proteste der Sozialromantiker sind zwar nicht im Film in Form eines roten Stadions dokumentiert, inhaltlich geht es aber in den geführten Interviews um genau die Sachen, die ein halbes Jahr nach dem Dreh das Fass zum Überlaufen brachten. Wir waren in den Logen und wir haben die Sorgen der aktiven Fanszene natürlich mitbekommen. Von manchen Überlegungen, Szenen und Details mussten wir uns zwar während der Produktion schmerzlich verabschieden; am Ende funktioniert der Film aber und fängt das ein, was ich bzw. wir herausstellen wollten.

Gab es Themen, die du bewusst außen vor gelassen hast?
Eigentlich nicht. Im Nachhinein hätte ich gerne das Thema „Frauen im Stadion“ mehr beleuchtet. Auch die Debatte um Montagsspiele und die Zerstückelung der Spieltage fiel dem Schnitt zum Opfer. Aber das ist dann schon wieder Material für einen anderen Film.
„Das ganze Stadion“ ist ebenfalls deine Abschlussarbeit an der Filmhochschule Köln – was gab’s denn für eine Note?
(lacht) Ich hab nur ’ne Zwei dafür gekriegt. Geärgert habe ich mich darüber jedoch nicht lange, denn die Professoren sind nicht die Instanz, auf deren Beurteilung ich den großen Wert lege. Das Studium ist zum Glück nun vorbei, da spielt die Note für mich nicht die große Rolle.

Das Premierenpublikum gilt ja als sehr kritisch – schon etwas nervös bezüglich des 04.10.?
Nervös nicht, aber aufgeregt schon. Die Premierenvorstellung ist ausverkauft und ich bin vor allem gespannt auf die Reaktion von den Leuten, die jetzt nicht direkt in dem Thema drin stecken. Und bei den Sankt Pauli Fans oder Sympathisanten kann es natürlich auch die Reaktion hervorrufen, die ich nicht möchte, wie „ganz schön kultig da“ und Feierei. Da sollte aber auch klar sein, dass wir uns gezielt mit der aktiven Fanszene auseinandergesetzt haben, weil die diesen Verein geprägt haben und auch weiterhin prägen. Da wird auch Kritik kommen aus der Fanszene, und auch darauf bin ich gespannt.

In den letzten Jahren erschienen einige Produktionen über Sankt Pauli wie „Rausgehen, warmmachen, weghauen“ oder „Gegengerade“ – wo ordnest du deinen Film da ein?
Filme über Sankt Pauli sind eigentlich ein vermintes Gelände. Manchmal gelingt das besser wie bei diesen 3sat und NDR-Dokus zum 100-jährigen Jubiläum, manchmal nicht so. Mein Ziel war aber nicht Doc Mabuse im Bauwagen und Dicken von Slime die immer gleichen Sätze sagen zu lassen, auch wenn sie ihre Berechtigung haben. Auch die von dir erwähnten Filme sind schon von der Machart ganz anders. Es war mir aber schon wichtig dem „Gegengerade“-Filmsperma von Claude Oliver Rudolph etwas entgegen zu setzen.

Letzte Frage: Wie hat es eigentlich der Kameramensch während des Spiels in diesem Bullencontainer an der Nordkurve so lange ausgehalten?
So lange waren wir da gar nicht drin. Da hatten die überhaupt keinen Bock drauf, das merkte man in jeder Sekunde, die wollten uns schon zeitnah los werden. Trotzdem war es vorher genehmigt worden, auch was wir da filmen, also deren Kameras, Notizen, Funksprüche etc. Und da entstanden ganz wichtige Szenen für den Film.