Archiv: Basch #3 – Interview Weinbar

„Liebe Freunde, uns wurde gekündigt“
Am neuen Kamp, eingebettet zwischen Raval und Knust, befindet sich die Weinbar Sankt Pauli und ist seit eineinhalb Jahren eine feste Größe in einem Gastronomiegürtel, dessen Ausrichtung sich zwar nicht auf die Fanszene des FCSP beschränkt, dessen Betreiber_innen aber durchaus eine gewisse Nähe zu eben jener Fanszene eint. Die Weinbar wird von Heiko und Raphael betrieben, die vielen von euch bekannt sein werden. Am 01. September haben sie im Namen ihrer Weinbar die Öffentlichkeit darüber informiert, dass sie die Kündigung für ihr Lokal erhalten haben.
Da die Weinbar immer mehr Freunde innerhalb unseres Kosmos gefunden hat, war das für uns Anlass genug, uns mit Heiko und Raphael zu treffen und mehr über die Hintergründe des drohenden Endes für diese noch junge Institution zu erfahren.

Das Projekt Weinbar Sankt Pauli begann im Jahr 2009, als die beiden erste Weinproben für Freunde im Raval durchführten und wenig später die Gewerbefläche einige Häuser weiter anmieteten um ihrem Projekt eine eigene Heimat zu geben. Im Oktober wurden die Pforten für 2 Tage pro Woche geöffnet, offiziell ging es dann im Januar 2010 mit dem „Tagesgeschäft“ los, wozu auch diverse Proben und eine breite Palette nicht näher kategorisierbarer Veranstaltungen gehören.


Basch: Moin ihr beiden, da wir konzeptlos in dieses Interview starten, wäre es nett, wenn ihr das Konzept der Weinbar und eure Motivation dahinter erläutern könntet.

Weinbar: In erster Linie war da natürlich die Begeisterung für Wein als Getränk. In Hamburg wird das Thema Wein ja zumeist eher stiefmütterlich behandelt und etwas Vergleichbares wie die Weinbar Sankt Pauli gab es in der Hamburger Gastronomie-Landschaft ja nicht. Da gibt es sonst nur etwas im hochpreisigen Segment oder dunkle Kaschemmen mit Holzvertäfelung. Ziel war eine Bar für Menschen, die reinkommen und sagen: „Ich habe gar keine Ahnung von Wein, aber ich trink’s so gerne.“

Basch: Genau so sind wir zu euch gekommen.

Weinbar: Im Kern wollten wir die „Proletarisierung des Weintrinkens“. In Spanien, Italien, Frankreich, sogar in Süddeutschland ist das Verhältnis der Menschen zu Wein weit unverkrampfter als hier. Man bestellt eben Cola, Wein oder Bier – es ist das Getränk der Arbeiter und Bauern. Hier verbindet man mit Wein eher die Pfeffersäcke, was ja auch seine historische Begründung hat. Das führt aber dazu, dass man die Wahl hatte, mit Yuppies Wein zu trinken oder aber beim Wein trinken für einen gehalten zu werden. Die Unkompliziertheit ist das, was uns fehlte.

Basch: Vom Anfixen der Freunde zu einem für viele Menschen festen Bestandteil der Abendgestaltung – die Weinbar als Treffpunkt und Zwischenstopp für ein durchaus heterogenes Publikum. Teil des Konzepts oder „zufällige Entwicklung“?

Weinbar: Sowohl als auch. Wir wollten Wein als „Jedermanngetränk“ möglich machen und haben die Weinbar dahingehend ausgelegt. Aus unseren Wurzeln in der Fanszene haben wir nie einen Hehl gemacht, wollten uns aber auch explizit nie ausschließlich an Sankt Pauli Fans richten. Wir duzen jeden Gast und pflegen allgemein eine lockere Atmosphäre, beispielsweise auch durch die „lange Tafel“ vor der Tür, wo Menschen ganz automatisch in Kontakt miteinander kommen, die sich sonst nie unterhalten würden.

Basch: Die lockere Atmosphäre kommt jetzt als sehr „bieder-deutscher“ Boomerang zurück und muss in letzter Konsequenz als Kündigungsgrund herhalten, oder?

Weinbar: Die Kündigung erfolgte zwar fristgemäß und ohne Angabe von Gründen. Durch zwei vorangegangene Mahnungen und einer Schadensersatzdrohung wegen Mietminderung im Kündigungsschreiben besteht aber ein klarer Zusammenhang zur angeblichen Lärmbelästigung.

Basch: Lärmbelästigung?

Weinbar: Eine Mietpartei im Haus hat sich mehrfach bei uns und bei der Hausverwaltung über zu große Lautstärke beschwert. Das wird zugegebener Maßen anfänglich auch Berechtigung gehabt haben, gab es doch ein, zwei Parties, die wirklich etwas laut waren. Wir haben uns dann zusammengesetzt und besprochen, dass wir zukünftig auf DJ’s und große PA verzichten. Konzerte und Parties allgemein wollten wir uns aber nicht nehmen lassen und das halten wir angesichts unserer Lage und Öffnungszeiten auch für völlig vertretbar. Die Mieter fühlten sich aber auch durch die Gespräche und die Unplugged-Konzerte beim Fernsehen gestört, Schlafen war hingegen kein Problem.

Basch: Das klingt wenig reflektiert…

Weinbar: Wir glauben, dass es mittlweile eher auf einer persönlichen als auf einer Sachebene passiert. Dafür spricht auch, dass das uns vorliegende Lärmprotokoll größtenteils unglaubwürdig ist und sogar Lärm protokolliert wurde, als die Weinbar geschlossen war. Wir sind auch von der Hausverwaltung enttäuscht, die die Angelegenheit lediglich „routiniert“ abzuwickeln scheint und dabei absolut einseitig agiert. Unser Angebot, sich doch selbst ein Bild von der Situation zu machen, wurde seitens des Verwalters ausgeschlagen.

Basch: Wie soll es jetzt weitergehen und was ist euer Ziel?

Weinbar: Die Kündigung soll zurückgenommen werden, denn wir möchten die Lokalität als solche erhalten. Wir haben uns in der jüngsten Vergangenheit schon sehr zurückgenommen und Parties abgesagt und bei potentiellen Buchungen die Lärm-Restriktionen erwähnt, bzw. die Gäste haben die Parties dann abgesagt und woanders gemacht. Wir selbst wollen nicht mehr zwangsläufig als Inhaber tätig sein. Deshalb suchen wir einen Nachmieter, der bereit ist, am Konzept der Weinbar festzuhalten. Für uns zählt die Weinbar als Institution, Idee und Möglichkeit, das hängt nicht zwangsläufig an unseren Personen.

Basch: Was ist mit einer anderen Location?

Weinbar: Die Läden, die derzeit zu haben sind, kommen alle nicht in Frage, schließlich haben wir auch nur begrenzte Mittel, bei den Mietpreisen im Viertel und eventuellen Schadensersatzansprüchen seitens der Hausverwaltung wäre so etwas nur bei einer wirklich richtig günstigen Fläche realisierbar. Unser Hauptaugenmerk liegt tatsächlich darauf, die Kündigung abzuwenden und die Weinbar am Neuen Kamp zu erhalten, in der wir dann selbstverständlich Stammgäste wären.

Basch: Danke für das Interview, möchtet ihr noch etwas an unsere Leserschaft loswerden?

Weinbar: Definitiv. Dickes Danke für die vielen Zusprüche, das Feedback, die Hilfsangebote, die Unterstützung und so weiter. Das tat echt gut und ist ein richtiges Pfund, sowohl menschlich als auch in der Sache.

Für weitere Informationen besucht die Website der Weinbar: weinbar-stpauli.de

Das Interview führten Quasimoto und Hakan


5 Antworten auf „Archiv: Basch #3 – Interview Weinbar“


  1. 1 fritz franz 14. September 2011 um 10:34 Uhr

    Mal ganz ehrlich: Mieter nerven mit noch mehr kommerz und lautstärke – und dann noch solidarität fordern… ich find nervig, die anwohner über euch haben auch ohne euch schon genug zu leiden!

  1. 1 #FCSP sieht wieder Rot und fegt 1860 aus dem Stadion – Jolly Rouge reloaded « KleinerTods FC St. Pauli Blog Pingback am 12. September 2011 um 19:16 Uhr
  2. 2 7.Spieltag (H) – TSV 1860 München | Übersteiger-Blog Pingback am 13. September 2011 um 10:37 Uhr
  3. 3 Berichte von Sankt Pauli gegen 1860 von bekannten Blogs - Sankt Pauli Fanclub Braun-Weiß EDEL aus Elmshorn Pingback am 13. September 2011 um 10:49 Uhr
  4. 4 Für den Erhalt der Proletarisierung des Weintrinkens! Rettet die Weinbar St. Pauli! « Metalust & Subdiskurse Reloaded Pingback am 17. September 2011 um 16:54 Uhr
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