Archiv: Basch #1 – Malerei in der Südkurve

Wenn nicht wir, wer dann?

Am dritten Juni-Wochenende und am darauf folgenden Montag haben wir unsere Kurve in den Farben gestrichen, welche die Südkurve seit ihrem Bestehen und unsere Kultur nun schon seit vielen Jahren kennzeichnen. Das hässliche Grau ist so endlich einer Kulisse gewichen, die uns, unserem Verein und unserer Kurve angemessen ist. Über den braun-weiß-rot-weiß-braunen Stufen des Stehplatzbereichs gibt der große Schriftzug VORAN SANKT PAULI den Weg vor. An den Seiten befinden sich nun das USP-Logo, das Logo der AFM und der Jolly Rouge. Leider haben diejenigen, die den Verein aktuell zu führen glauben (gemeinhin auch “Offizielle” genannt), im Nachgang der Aktion wieder einmal mehr gezeigt, wie sie denken und wie sie Fans und das gegenseitige Verhältnis definieren. Dieser ursprünglich sehr positive Artikel bekommt dadurch leider eine traurige Wendung.

Starke Regenfälle behinderten oftmals die Arbeiten, konnten aber den Tatendrang nicht bremsen, so dass am Ende ein fantastisches Ergebnis steht. Mit Unterstützung vor allem der AFM, aber auch anderen Fangruppen, haben wir dem Ort, mit dem wir so viel Liebe, Herzblut und Leidenschaft verbinden, ein neues Gesicht verpasst. Es ist das Gesicht der Ultras von Sankt Pauli, es ist das Gesicht dieses großartigen Vereins, das seine handelnden Personen leider viel zu oft hinter den Zwängen des modernen Fußballs und der modernen Welt verstecken. Farbenfroh, ausgelassen, mächtig. Dreckig und radikal an mancher Ecke, aber immer authentisch und voller wilder Gefühle. Die vielen kleinen Sprüche, die vielen verschiedenen Sticker von Freunden aus der ganzen Welt, die Idee und der Ausdruck dessen, was uns Fans bewegt – es hat das große Kurvenbild komplettiert. Es war schön, dass sich so viele Leute zusammen getan haben, um das möglich zu machen. Die Frage geht an jeden, was wir gemeinsam in dieser Kurve möglich machen können, wenn wir alle wieder ein bisschen mehr einbringen und uns noch besser vernetzen.

Von der Veränderung bekommt man als Südkurven-Besucher im ersten Moment beim Reinkommen gar nicht so wirklich etwas mit. Geht daher mal auf die unterste Stufe der Kurve, um eine Ahnung zu erhalten, wie es live aussieht. Unser Stadion hatte eine weitere Attraktion hinzugewonnen und wir hatten damit einen Beitrag geleistet, damit irgendein Rest von Flair und Authentizität am Millerntor erhalten bleibt. In einem Millerntor, in dem wir mittlerweile auf teilweise doppelte Reihen von Logen und riesige Werbung für eine Bank blicken und in dem auf bisher allen neu gebauten Tribünen “Business-Seats” noch und nöcher entstanden sind.

Erbärmlich und schockierend zugleich dann, wie die “Offiziellen” mit dieser Aktion umgingen. Nachdem Sven Brux im Urlaub mit dem Hinweis angerufen worden war, dass das Malen “eskaliert” sei, und damit gemeint war, dass wir in der Südkurve gegrillt haben, dass ein Hund über den Rasen gelaufen ist und dass Fans in den Eingangsbereichen ihrer Kurve Sprüche hinterlassen haben, war das Unverständnis auf unserer Seite groß. Zwar haben wir die ganzen Mühen natürlich nicht investiert, um dem Präsidium und operativem Anhang zu gefallen, aber diese ersten Reaktionen haben doch mal wieder deutlich gemacht, wie das Verhältnis zu den Fans definiert wird. Als hätten wir zu fragen oder gar um Erlaubnis zu bitten, um irgendetwas zu tun oder zu lassen. Neben den Sprüchen sollte vor allem der Jolly Rouge entfernt werden – die zwei Quadratmeter roter Farbe waren wohl zu deutliche oder zu manifeste Kritik am Ausverkauf unseres Vereins. Sven Brux wurde in der Folge vom Präsidium damit beauftragt, das Gespräch mit uns zu suchen. Diesen Termin nahmen wir gerne wahr, denn auch wir hatten einiges mitzuteilen. Die Forderung des Präsidiums, dass wir den Jolly Rouge, die Sprüche und ein Graffiti in der Kurve entfernen sollten, wiesen wir natürlich unmittelbar zurück und machten auch deutlich, dass wir es als großen Affront verstehen würden, wenn der Verein es tun sollte. Sowohl Kritik am Vorgehen des Vereins zu speziellen Themen, als auch die Gestaltung von Freiräumen und das Ausdrücken von Meinungen, die nicht denen der Vereinsführung entsprechen, müssen am Millerntor möglich sein. Darum werden wir auch in Zukunft nicht betteln, sondern es als Selbstverständlichkeit in unserem Verein verstehen.

Der verlogene Sauberkeitswahnsinn macht es leicht zu glauben, dass es im Kern nur um einen einzigen Themenkomplex geht: Um Verwertbarkeit und Attitüde, um das Kreieren eines Markenbildes, für das die “Offiziellen” eine Nische im Profifußball gefunden haben und das sie nun ohne große Rücksicht auf irgendwelche Werte, Ideale oder sonst etwas auszuschlachten gedenken. Die Analyse, dass der Kult mittlerweile ohne Kult funktioniert, bewahrheitet sich stetig. Paradox, dass der Fanshop aufwändig auf “Streetart” gestylt wird, auf Glaubwürdigkeit, “Die Straße trägt St.Pauli”, Agenturen die Optik entwerfen und alles zum Aufziehen bereit aus dem Hochglanzdrucker kommt – während echte Graffitis von Fans wenige Tage nach Entstehen vom Verein mit grauer Farbe übermalt werden. Es wird ausgelotet, welche Form von Streetart in die aktuelle Vermarktungsstrategie passt. Der Rest wird auf Anweisung des Präsidiums ausgemerzt.

Während diese Verlogenheit wahlweise wütend oder verständnislos macht, ist die Zensur, die in diesem Zusammenhang in der Südkurve geübt wurde, einfach nur zum Kotzen und tritt mit Füßen, wofür sich in diesem Verein seit mehr als 20 Jahre Menschen engagieren. Es ist an dieser Stelle wahrscheinlich gar nicht nötig, große Worte zu verlieren. Wenn das Präsidium mit Stiften geschriebene Sprüche in der Kurve bewertet und dann entscheidet, ob sie “genehm” sind, dann spricht das Bände und jeder wird wissen, wie er das zu beurteilen hat. Scheinbar waren die Sprüche zu authentisch. Scheinbar hat sich kein Vermarkter dafür interessiert und da hat das Präsidium die Mauern der Fankurve in ihren charmanten grauen Zustand zurückversetzen lassen. Dass diese Sprüche, dass das Erscheinungsbild der Südkurve ein letztes Artefakt von Authentizität und Anders-sein auf den neu errichteten Tribünen ist, sieht in den verglasten Büros der Geschäftsstelle offenkundig niemand. Leider untergraben solche Dinge und ein so deutliches Vor-den-Kopf-Stoßen alle Ansätze, einen gemeinsamen Weg zu finden und die Schere zwischen zwei FC St. Paulis, die Alexander Gunkel schon auf der letzten AFM-Versammlung immer weiter aufgehen sah, zu schließen. Es ist momentan einfach der Wurm drin und ständig tun Leute anderen Leuten auch irgendwie Unrecht. So wird das nichts und die kommenden Gespräche werden zeigen, wohin der Weg geht.

Trotz allem kann festgehalten werden: Es hat viel Spaß gemacht, unsere Kurve zu gestalten und es bleibt zu hoffen, dass sich zukünftig noch mehr Leute an solchen Aktionen beteiligen. Diese Kurve ist neben einigen anderen Orten unsere Seele, hier schlägt das Herz von Sankt Pauli am lautesten und die Vergangenheit hat gezeigt, wie viel Spaß es machen kann, dort gemeinsam etwas zu veranstalten. Erinnert sei nur an das Konfetti-Reißen mit mehreren hundert Leuten vor dem Derby. Wir freuen uns auf euch alle in der Kurve der Ultras!

ES GIBT NUR EINS, DAS GRÖSSER IST ALS DIE LIEBE ZUR FREIHEIT UNSERER KURVE.
UNSER HASS AUF DIE, DIE UNS DIESE FREIHEIT NEHMEN WOLLEN.

Anachronist

Nachtrag:

Entferntes Graffiti in der Süd


6 Antworten auf „Archiv: Basch #1 – Malerei in der Südkurve“


  1. 1 obi 04. September 2011 um 1:42 Uhr

    wie die kurve ist wieder grau???
    was genau hat des grafitti gesagt was verärgert??
    grüße aus dem braun weißen allgoi

  2. 2 sgasg 06. September 2011 um 17:25 Uhr

    Ist die Kurve jetzt noch im bemalten Zustand oder wurde sie vom Verein getüncht? Das geht aus dem Text nicht so recht hervor

  3. 3 Administrator 06. September 2011 um 17:31 Uhr

    entfernt wurden ein größeres graffiti und zig tags und schriftzüge in den aufgängen. die farbigen stufen und rückwände sind erhalten.

  4. 4 Lalala 07. September 2011 um 0:13 Uhr

    Ein größeres Graffiti entfernt? Etwa der Jolly Rouge?

  5. 5 Administrator 07. September 2011 um 0:54 Uhr

    nein, am ende des artikels ist jetzt ein bild hochgeladen, das das entfernte graffiti an der wand zur HT zeigt.

  6. 6 Nordkurve 07. September 2011 um 11:38 Uhr

    Die ganzen „Tags“ und viele Schriftzüge in S/W sind ja eh nur peinlich! Egal ob im Stadion oder auf der Strasse! Damit tut man keinem einen Gefallen.

    Aber bunte Bilder gehen immer. Alles in allem ein schöne Aktion! Und warum das Graffiti auf dem Bild entfernt wurde, verstehe wer will.

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