Archiv: Basch #2 – Text Jolly Rouge

Das Ende des Jolly Rouge?

Wow, zweite Ausgabe der Basch und schon die erste Kontroverse. In der ersten Ausgabe des Heftes erschien ein zweiseitiger Artikel über
die Geschichte des Jolly Rouge unter dem Namen „Im Brass entstanden“, der leider einen Teil- den zweitwichtigsten- der Entwicklung
auslässt und damit einen immer wiederkehrenden Fehler erneut macht.
Ich stimme den Schreiberlingen des Artikels noch insofern zu, dass es eine ganz besondere Entstehungsgeschichte war, mit der unser Jolly Rouge seinen Aufstieg feierte und beim Freiburgspiel zum Symbol des Widerstands heran wuchs. In ihrer Chronologie vergessen die beiden aber den ebenso rapiden Fall, welcher in unserem Fall bedeutet ein einzigartiges, vereinendes Zeichen unserer Macht aufgegeben zu haben.
Der entscheidende Moment, in dem jeder feststellen musste, der sich mit diesem Verein und seiner Fanszene seit einigen Jahren beschäftigt, dass der Widerstand gebrochen ist, war der Tag an dem der Ständige Fanausschuss seine Stellungnahme veröffentlichte. Zum Höhepunkt der Proteste traf sich die vermeintliche Führung des FC St. Pauli mit dem Gremium des Vereins, um über eine Beruhigung der Lage zu sprechen. Das Präsidium hatte in diesem Moment schlicht und ergreifend den Willen „die Kuh möglichst schnell vom Eis zu kriegen“. Das ist ihnen gelungen und das ist ein schlechtes Zeichen.
Wenige Tage nach diesem Treffen vom 18. Januar erschien eine Stellungnahme des Ständigen Fanausschusses, in der angekündigt wurde, dass es von nun an regelmäßige Treffen mit dem Präsidium gebe, das erste sei bereits geplant- Ende März, des weiteren würden die positiven Signale aus dem Präsidium anerkannt.
Es ist mir bis heute schleierhaft, warum sich ein Gremium, welches sich aus langjährigen aktiven und gut informierten Fans usammensetzt
(Fanladen, USP, Übersteiger,…), so hat verarschen lassen. Ich habe selbst jahrelang an Treffen des ständigen Fanauschusses teilgenommen; auch in den Jahren danach wurden die vom Verein angebotenen „regelmäßigen Treffen“ zu schlechten Running Gags. Sobald der erste Rauch des Protestes verzogen war, gab‘s auch kein Interesse an Treffen mehr. Die Personalien änderten sich, die Handhabe blieb gleich- Sven Brux logischerweise mal ausgenommen.
Dass es aber bis zum ersten Treffen mit dem Verein auch noch 1,5 Monate dauern sollte, machte das ganze dann völlig absurd und die Vereinsführung zu Gewinnern- am Tag der Stellungnahme wurde in den Geschäftsräumen wahrscheinlich mal wieder bei ’nem Bierchen über unsere Dummheit gefeixt. Sechs Wochen später war klar, dass der Protest müde wurde und sich viele haben beruhigen lassen; das Präsidium habe erkannt, dass es mal wieder zu weit gegangen ist und werde nun vom Ständigen Fanausschuss beobachtet.
Pustekuchen, schon einige Wochen danach geht es vergleichbar weiter, nur heute stehen wir vor einer veränderter Situation. Zum einen ist die uns alle vereinende und fanszenenübergreifende Protestbewegung massiv abgeklungen, zum anderen steht mittlerweile fest, dass die Fanszene protestmüder geworden ist. Heute wird der Jolly Rouge zwar noch von der aktiven Fanszene in Protestaktionen und Choreographien aufgegriffen, die Massenwirkung als Symbol des „an einem Strang Ziehens“ hat er aber verloren.
Genauso wie es so schnell keine zweite Retterkampagne geben konnte, so wird es erstmal keine zweite Protestwelle geben, welche visuell mit dem Jolly Rouge vergleichbar sein wird.
Im Moment bleibt uns nur die Mitgliederversammlung als Signal, die vermeintliche Führung des Vereins in ihre Schranken zu verweisen.

Henning