Archiv: Basch #1 – Text Jolly Rouge

Im Brass entstanden

Manchmal bedarf es einer Parkbank im Herzen von Sankt Pauli und eines sommerlichen Abends, um konfuse Gedankengänge zu strukturieren. Umgebungen wie diese ermöglichen ein temporäres Entrücken aus der häufig zu vielschichtig gewordenen Realität und erlauben so, trotz physischer Präsenz, im eigentlich unveränderten Kosmos eine konstruktivere Perspektive auf Gegenwart, Vergangenheit und im Rahmen des Möglichen auch Zukunft. Eine Atmosphäre zum Verschriftlichen der nun deutlich sichtbaren Kausalitäten, eine Möglichkeit, Prognosen wachsen zu lassen und Vergangenes zu rekapitulieren!
Der inhaltliche Diskurs um das Zusammenspiel aus Vereinspolitik, Vereinsleben, Fanseelen und das vielfältig im Wechselspiel voranschreitende Leben im Viertel prägt den Sankt Pauli-Kosmos mit weiterhin wahrnehmbaren Auswirkungen bis ins Jetzt. Um nun den Bogen zum Anfang zu spannen, bewirkten solche das Blickfeld erweiternden Abende die Notwendigkeit des Handelns. Aktionismus in Zeiten der um sich greifenden Lethargie! Mit der roten Fahne fing „es“ nicht an und doch war sie elementarer Bestandteil eines Protestes, den es so in unserer aktiv begleitenden Zeit in der Fanszene des FCSP noch nicht gegeben hatte. Ein kalter Hauch vergangener Revolutionen wehte durch die Fan-Schar unseres magischen FC und wurde durch die aufgeheizten Gemüter neu erwärmt.
Das sprichwörtliche Fass schwappte über, als beim letzten Heimspiel LED-Laufbänder Botschaften kommerzhöriger Idioten und einiger nicht ertappter Saboteure dem missmutigen Publikum am Millerntor präsentierten. Die danach aufkeimende Protestwelle in Foren und Blogs wurde in einem Pamphlet der Sozialromantiker, die seit dem Sterben der „Idee“ Millerntaler keinen Laut mehr von sich gegeben hatten, zusammengefasst und bot mit dem ihm innewohnenden Aufruf zur Partizipation (angefügt war eine Petitionsliste) eine stimmgewaltige Plattform. Binnen weniger Tage hatten sich über 3.000 Menschen– und das wohlgemerkt über die Weihnachtsfeiertage– gefunden, welche die teils überzeichneten Forderungen des Petitionstextes mittragen wollten.
Die Diskussion über eine zu stark voranschreitende Kommerzialisierung wurde mit dem Text nicht eingedämmt, sondern viel mehr noch befruchtet. In ihrem Zuge entstand auch der Blogpost von Olli in seinen Tresen-Thesen, in dem er darüber sinnierte, ob man nicht dem Jolly Roger einmal eine Pause gönnen sollte. Der schwarze Totenkopf auf rotem Grund wurde von Piraten dann gehisst, wenn sie nicht beabsichtigten, beim Kapern eines anderen Schiffes auch nur einen einzigen Gefangenen zu machen. Ein Symbol für die Ernsthaftigkeit des frisch geborenen Protestes war geboren und fand seine Manifestierung beim ersten Heimspiel der Rückrunde gegen Freiburg. Das Millerntor war nicht nur ob der Gästefans, ja gar nur marginal ihretwegen, in die Farben Rot und Schwarz getaucht.
Beeindruckend nicht nur für die Empfänger der Botschaft! Visuell und akustisch war für jeden erkennbar, dass sich in diesem Moment ein Gewitter entladen konnte. Vorbei die Zeit der Lethargie, verursacht durch gegenseitiges Abtasten und Verweilen unter dem drohenden Stich des Damoklesschwerts. Emotionale Grenzen wurden überschritten und die Reaktion war zerstörerisch. Dem Aufruf zur Aktion folgte die Gewalt des dynamischen, intuitiven und lange durch eigene Ressentiments unterdrückten Protests. Nicht steuerbar, auch nicht durch die vermeintlichen Initiatoren und gerade deshalb in der Vehemenz und Aussagekraft so verheerend für all jene, welche sich nun am Pranger der Massen wiederfanden.
Bezeichnend dafür, dass noch in der Halbzeitpause dieses Heimspiels in der Präsidiumsloge auf der Haupttribüne eine Krisensitzung mit dem Aufsichtsrat stattfand. Nur eine der vielfältigen Reaktionen auf das, was auf den Stufen unseres Stadions an diesem Abend geschah, aber wohl die, die am ehesten die Tragweite des kollektiven Aufschreis zu dokumentieren vermochte.
Sowohl Dokumentation und Verwertung als auch Rückerlangung der Deutungshoheit über die Sachverhalte bestimmten die folgende Zeit. Stets hallte der einstige Ausruf Cornelius Littmanns durch die Gedächtnisse der Protagonisten der Fanszene: „Ihr habt doch alle keine Ahnung!“ Den Kampf um das Zugeständnis von durchaus emotional beeinflussten Anliegen in einer Welt aus „alternativlos unveränderbaren Sachzwängen“ kannte das etablierte Geflecht aus Vereinsangestellten, Medien- und Lobbyvertretern durchaus. Führte man diesen doch bereits in vielerlei Hinsicht. Bekanntes Terrain- sollte man meinen. Doch wo kein Gegner, da kein Kampf. Die Entrüstung war sichtbar, spürbar, nicht diskutier- oder verklärbar. Zu laut war der „bring back“-Gedanke, nur eben greifbar war all dieses nicht. Und so verpuffte die Schlagkraft des behäbigen Riesen im nicht stattfindenden Duell mit der neuen, nicht über- oder durchschaubaren Situation. David gegen Goliath im Schattenboxen.
In Folge der Auseinandersetzung zwischen Vereins- und Fanvertretern wurden von Seiten des Vereins zwar Zugeständnisse gemacht, doch ein klarer Gewinner dieses Konflikts konnte, beinahe zwangsläufig, nicht ermittelt werden. Der Jolly Rouge war über die komplette Rückserie der vergangenen Saison präsent im Stadion und darf sich auch die Plakette eines Allesfahrers anheften; trotzdem verlor sich seine Präsenz mit dem Fluss der ins Land ziehenden Zeit.
Es steht nach wie vor die Frage im Raum, die sich mitunter den gesamten Verlauf der Rückrunde durch die Köpfe der „Protestler“ fraß, wie der „Kampf“ weiter zu führen sei, welche Ziele man anzustreben habe. Der Jolly Rouge bzw. der Protest in rot-schwarz konnte dem mit der Zeit unvermeidlich einhergehenden Zersetzungsprozess scheinbar nicht wirklich standhalten. Seine Halbwertzeit schien unglücklicherweise weit kürzer als die radioaktiver Substanzen und doch bleibt zu konstatieren, dass Symbole zwar entschwinden mögen, doch die dahinter stehenden Ideen stets jenen Zerfall überdauern.
Viva la Revolucion!

PS: Im November ist JHV. Be prepared.
Hakan & Quasimoto


2 Antworten auf „Archiv: Basch #1 – Text Jolly Rouge“


  1. 1 bjones 18. September 2011 um 16:17 Uhr

    aaua aua aua

    ihr beiden tut nur noch weh

    AUA

    aber wengstens seid ihr die geilsten AUA

  2. 2 bjones 18. September 2011 um 16:20 Uhr

    eure gestochene art texte zu schreiben ist WIDERLICH bäää

    dreckspack in anzug stell ich mir dazu vor und liege bestimmt gar

    nicht so falsch mit der annahme

    i-phone habt ihr bestimmt auch dick am start diggaaaa nääää

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