Archiv: Basch #2 – Ein bisschen Rumhuren…

Ein bisschen Rumhuren – oder: Freundschaft kennt kein Dogma!

Mich dem allgegenwärtigen Nörgeln anzuschließen, liegt derzeit gar nicht in meinem Sinne. Doch wie schon Marx wusste, sitzt das deutsche Publikum allzu gerne in seinem Sessel. Es sitzt dort und schlürft. Suppe, deren Koch es selbst nicht ist. Billiger Lieferschmock vom Bestellservice. Kein do-it-yourself, keine individuelle Geschmacksnote. Es würzt den großen Topf nämlich nicht mit eigenen Zutaten, sondern versucht das mitzunehmen, was geht. Es liebt imitierte Dinge. Von der Individualität zur Gleichförmigkeit. Der Deutsche imitiert gerne. Er imitiert und lässt von der ursprünglichen Bedeutung der imitierten Sache wenig bis gar nichts übrig. Pasta, Amerikanische Werbung, Demokratie, Rebellion, Freundschaft.
Eigentlich wollte ich ihm seinen Sessel wegnehmen, doch er sitzt so wohl viel bequemer. So bequem, dass es ihn gar nicht sonderlich stört, wenn er Freundschaft predigt und sie gleichzeitig nicht leben lässt.
Wovon spreche ich eigentlich? Als sich vor ein paar Jahren all meine Begeisterung auf USP und die Sache richtete, nahm ich das ganze Spektakulum aus der beobachtenden Perspektive eines mit großen Augen strahlenden Jugendlichen wahr. Erst mit der Zeit nimmt man Außenperspektiven ein oder überhaupt wahr. Welches Bild Fans oder Ultragruppen anderer Vereine von der eigenen haben, interessiert einen irgendwie nicht; man lernt erst mal den eigenen Kosmos kennen und merkt mit der Zeit erst, dass sich ja um einen herum doch sehr viel tut und die Abneigung gegen einen als Sankt Paulianer doch recht hoch ist. Ich weiß, Kommerzverein usw. Flaschen werfende Zecken, eh alles Politiker und sowieso. Was willst du nur mit Sankt Pauli? Man lernt viele Klischees kennen; und obwohl man sich meist totlacht, wenn der eigene Erfahrungsschatz gänzlich anderes Empfinden beherbergt, ist natürlich auch manchmal etwas Wahres dran.
Nie habe ich allerdings den Mythos oder die als Anschuldigung verstandene Phrase verstanden oder überhaupt die Bedeutung der Aussage an sich, Sankt Pauli würde mit zig Fanszenen (oder am besten noch – mit den linken) „rumhuren“, was ja im Sinne alter Fußballrivalitäten usw. gar nicht ginge. Klar ist damit gemeint, dass Sankt Pauli in der ganzen Welt ein paar Freunde hat. Ganz im Gegensatz zu den Pommernkriegern oder Szene xy, die offiziell nur zwei Freundschaften hat; der Rest sind ja nur Einzelkontakte ;-) Es fällt schon auf, worauf ich hinaus will.
Vor lauter dogmatischen Reglementierungen und Verrechtlichungen innerhalb der Kurven sieht ein Teil der deutschen Ultrabewegung gar nicht mehr, wann propagierte Werte, wie man Ultrà zu leben hat, von ihrem ursprünglichen Sinn total abweichen. Vom Traditionsgut zur matschigen Einheitspampe. Mir kommt es manchmal vor, als würden hiesige Ultras im „Wettbewerb der Kurven“ Bündnisse nur um den Willen der bloßen Existenz schließen, oder weil ja jeder irgendwelche Freundschaften hat.
Eines der bekanntesten Bilder der Ultrageschichte stammt aus der Curva Fiesole der Fiorentina, wo das Collettivo Autonomo Viola in den 80ern die traditionelle Fanfreundschaft zur Brigade Gialloblu aus Verona zelebrierte. Tausende gelbe Zettel gingen vor Spielbeginn in die Luft und der Schriftzug „BG“ wurde sichtbar. Eine der ältesten Freundschaften italienischer Ultras. Eines meiner ersten einschneidenden Erlebnisse dieser Art waren früher immer die Geschichten, die ich von unseren älteren Ultras erzählt bekam. Von ihren Touren nach Terni, Bergamo oder Genua. Wie sie berichteten, dass bei Spielen von Fere oft Banner der Brigate Nero Azzurre, der Rude Boys Sampdoria oder den South Boys Caserta gleichzeitig hingen und am Abend dicke Parties stattfanden. Auch in diesem Sommer fanden sich Ultras aus Lüttich, Tel Aviv, Caserta, Bergamo, Genua oder Sankt Pauli beim Abschiedsspiel von Zampagna in Terni ein. Man feiert zusammen, lernt Top-Leute kennen und merkt, wie authentisch und ehrlich man dort oft miteinander umgeht. An meinen ersten Besuch bei Freunden kann ich mich gar nicht erinnern, aber die vielen Besuche sprechen eine deutliche Sprache. Man merkt oftmals, worauf es ankommt. Doch das haben die meisten ja noch gecheckt.
Wenn man heute aber bei aller Gleichförmigkeit und Eintönigkeit der deutschen Ultralandschaft was Besonderes machen will, muss man Dinge tun, die vorher noch nicht gemacht wurden. Unsere Art, Freundschaften zu leben, gehört in meinen Augen dazu und macht den braun-weißen Kosmos zu etwas Speziellem. Es gibt allein in unserer Gruppe Leute mit Kontakten und Freundschaften nach Terni, Bergamo, Genua, Lüttich, Tel Aviv, München, Bordeaux, Babelsberg, Celtic, AEK Athen, Omonoia, Civitanova oder sonstwo hin. Übertragt man dieses Bild auf die aktive Fanszene, so wird klar, dass noch mehr Vereine folgen (sorry, wenn ich eben jemand vergessen habe). Doch während die einen es als „rumhuren“ betiteln, stellen wir es jedem unserer Mitglieder frei, andere Leute kennen zu lernen und nehmen nicht immer diese zwanghafte Entscheidung zwischen Kontakten und Freundschaften vor. Es geht nämlich letztlich um die Leute, die hinter den Gruppennamen stehen. Und wenn man überall auf der Welt Menschen findet, die sich für seinen Verein oder die Gruppe interessieren und die Leute obendrein noch cool sind, wieso sollte man dann sagen „aber das sind nur Einzelkontakte“? Oder wie die Ultras Nürnberg (nur, um ein Beispiel zu nennen) sich im „Ya Basta!“ mal beschwerten, dass ihre Mitglieder keine Schals der Larissa Monsters im Stadion tragen sollten, weil das ja keine offizielle UN Freundschaft sei.
Früher sah ich es durchaus noch als diskussionswürdig an, welche Fahnen von Freunden am Millerntor hängen durften und welche nicht. Und sicherlich darf man bei all dem nicht vergessen, dass die Meinung des Kollektivs im Zweifelsfall schwerer wiegen kann. So heißt es zum Beispiel nicht automatisch, dass, nur weil USP sich als antifaschistisch versteht, eine ähnliche oder gleiche politische Meinung ein notwendiges Kriterium für eine gemeinsame Sache ist; denn vielleicht komme ich mit Aachen Ultras oder der Blauen Armee Fraktion aus Stellingen aufgrund hundert anderer Dinge nicht klar. Es heisst aber auch nicht, dass man notwendigerweise die Augen verschließen soll und vor historischen, traditionellen Rivalitäten zwangsweise einknicken muss. Es sind immer noch die Menschen, die Verhältnisse schaffen und verändern, nach ihren Vorstellungen formen können. Und wenn zum Beispiel Leute aus meiner Gruppe korrekte Leute von einem Verein kennen, den man selbst nicht so mag- wieso sollten sie es dann nicht dürfen? Im Zweifelsfall hat man genug Feinde und man kann noch getrost darauf vertrauen, dass es auf keinen Fall so kommen wird, dass man mit HSVern oder ähnlichem Gesocks in einem Block steht. Ganz einfach, weil die Lebenswelten in Pinneberg oder Stellingen eben doch meist ganz andere sind als die eigenen.
Was ich jedoch kritisieren möchte ist diese dogmatische Auffassung von Freundschaft, die ihrerseits nur schubladisiert und oftmals den eigentlichen Beziehungen zwischen Menschen nicht gerecht wird.
Und so nahm ich dem imitierenden deutschen Publikum den Sessel, zündete ihn an und schmiss ihn aus dem Fenster! Danach schlürfte ich. Suppe und Wodka. Auf die Freundschaft!

Resistenza

Auf dem YA BASTA-Blog der Nürnberger wird der Passage „Oder wie die Ultras Nürnberg (nur, um ein Beispiel zu nennen) sich im „Ya Basta!“ mal beschwerten, dass ihre Mitglieder keine Schals der Larissa Monsters im Stadion tragen sollten, weil das ja keine offizielle UN Freundschaft sei.“ widersprochen, so etwas stand in keiner Ausgabe des Fanzines. Da hat sich unser Autor geirrt!